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10.8.2020 : 3:48 : +0200

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"Im Unglück sieht man die Wahrheit klarer." Fjodor Michailowitsch Dostojewski 

"Sobald Chaos und Unheil heraufziehen, fahren die ersten Wirbel unter die Vernunft und lösen sie aus ihren geschickten Verhaftungen." Botho Strauß 

 

Freitag, den 10.7. 2020

Der Tag hat mit heiterem Sommer begonnen. Doch seit die Sonne den Zenit des Mittags erreicht hat, ist zu spüren, wie sich ins Licht etwas Stichiges hineinbegibt, bedrohliche Kräfte im Untergrund sich aufbauen, welche die bislang unbeschwerte Wärme zu drückender Hitze wandeln, zu einer unangenehmen Last werden lassen, die sich auf Atem und Schultern legt. In all dem ahnt man, dass Gewitterfronten nahen, obgleich noch keine ihrer Zeugen, die dunklen Wolkentürme und aufbrausender Wind, auszumachen sind. Jetzt endlich, es ist Abend geworden, entlädt sich die Gewalt von Sturm, Blitz und Regen über dem See…

1971 trat Stanley Kubricks ‚Clockwork Orange‘ vor das Kino-Publikum: Mit dem Ergebnis, dass man schockiert war angesichts dieser Zukunfts-Vision: angesichts der Gewalt-Exzesse, die untermalt von den Klängen der 9. Symphonie Beethovens, die sich damit in eine Zukunfts-Musik ganz eigener Art verwandelte, sich vor den Augen abspielten. Schockiert und angewidert. Aber gleichzeitig davon überzeugt, dass man niemals einer solchen Zukunft entgegenschreiten würde. Zu sehr glaubte man sich nicht nur selbst gebildet und kultiviert. Sondern war sich auch dessen gewiss, dass die Kinder und Kindeskinder dieses Erbe antreten würden. Die Schreckensszenerien Kubricks glaubte man als Effekthascherei, als primitiven Nervenkitzel abtun zu müssen.

Seitdem haben die Vorführung Gewaltexzessen in den Kinosälen stetig zugenommen. Allerdings nicht nur in Filmen, die in der Tat die Brutalität benutzen, um noch das abgebrühteste Publikum 'schrecklich' zu beeindrucken. Sondern gerade auch in Werken, die in jeder Hinsicht in den Horizont der Filmkunst zu stellen sind, deren Gewalttätigkeit also etwas zeigen soll. (So zuletzt in Lars von Triers ‚The House that Jack built‘.)  Vielleicht dies, dass unsere kultivierte Gesellschaft die Archetypen der Gewalt längst nicht losgeworden ist: Kann es sein, dass in das Licht unserer Kultiviertheit sich längst etwas Stichiges, Bedrohliches hineingelegt hat? Ignorieren lässt sich jedenfalls nicht mehr, das immer häufiger von Gewaltexzessen berichtet werden muss, die doch deutliche Reminszenzen an ‚Clockwork Orange‘ hervorrufen…

Mittwoch, den 8. Juli 2020

Ein kleine Nachtrags-Notiz: Schleiermacher hat Religion als „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ definiert. Man fragt sich, welche Entwicklungs-Chancen er, die weite Welt der vielen Silikon Valleys vor Augen, der Entwicklung dieses Gefühl eingeräumt hätte…

Nicht dass wir zu einer Entwicklung eines solchen Gefühls nicht mehr in der Lage wären: Selten wurde uns die schlechthinnige Abhängigkeit von Geld, Wirtschaft und Technik schließlich so vor Augen geführt wie in diesen Tagen. Aber ich glaube nun nicht, dass Schleiermacher diese offensichtlichen schlechthinnigen Abhängigkeiten als Religion bezeichnet hätte. Oder müsste man nicht doch so weit gehen?

Dienstag, den 7. Juli 2020

Man könnte die letzten Monate geradezu als Wiederkehr längst vergangen geglaubter Zeiten betrachten: Man ‚weiß‘ zwar noch, dass ‚früher‘ der Mensch weit mehr, weit grundsätzlicher in das hineingehalten war, was man später als ‚Erfahrung der Kontingenz‘ bezeichnet hat. Aber man ‚weiß‘ es nicht mehr wirklich. Die Erfahrung also des ‚Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen‘: Mindestens bis zum Beginn der Neuzeit sahen sämtliche Menschheitsepochen über sich mit Sonne, Mond und Sterne - ohne dass man hätte die Augen davor verschließen können, ohne dass die Wolken der Selbsttäuschung sich davor geschoben hätten - immer auch ein Damoklesschwert über sich schweben, das je nach dem die Namen Not, Krankheit und Tod tragen konnte. Der Philosoph Odo Marquard hat mit Blick darauf aufmerksam gemacht, dass das berühmte Theodizee-Problem - also die Frage, wie das Leid in der Welt sich mit einem Gott vereinbaren lasse, dem gleichzeitig die Eigenschaften ‚Allmacht‘ und ‚Liebe‘ zugesprochen wurden -   in dieser Zeit seltsamerweise kaum einen umgetrieben hat: Sie kam, so seine Beobachtung, erst auf und wurde danach auf den Thron der Fragen aller Fragen gesetzt, als die mit der Neuzeit anhebende Fortschritt, immer kräftiger dabei war, die genannten ‚Kontingenzen‘ immer gründlicher zu beseitigen: Als also – verglichen mit früheren Menschheitsepochen – nur noch kleine ‚Kontingenz-Reste‘ vorhanden waren. Die Theodizee-Frage nahm in ihrer Bedeutung immer weiter zu, während die Gründe, sie zu stellen, immer weniger wurden…

Nun weht ein Hauch von Mittelalter durch Gassen und Gehirne. Das längst vergessene Damokles-Schwert steht wieder über den Häuptern. Die Frage wird sein, ob dies zum Anlass genommen werden wird, mit Verweis auf das Theodizee-Problem sich noch entschiedener von Gott zu verabschieden. Oder ob man nun doch, mit Bangen oben blickend, zu anderen Schlüssen und Entschlüssen kommt…

Mittwoch, den 1.7. 2020

Um die letzte Notiz noch einmal aufzunehmen: Überhaupt muss Franz Kafka als eine dem gegenwärtigen, durchgehend synkretistisch gestimmten Zeitgeist grundsätzlich widersprechende - prophetische? - Stimme angesehen werden: Schon nach wenigen Seiten dämmert dem Leser, dass der Landvermesser K. nie und auf keinem Weg je zum Schloss gelangen wird. Ebensowenig wird der Mann vom Lande je Einlass finden zum Gesetz durch jene Tür, die, wie er, der sein ganzes Leben davor verharrte, schließlich sterbend vernehmen muss: doch nur für ihn bestimmt war...

Während also von allen Seiten verkündet wird, dass - jegliche dem Muster von Joh 14,6 folgenden Ausschließlichkeits- und Absolutheitsansprüche heftig verneinend und als Fundamentalismus brandmarkend - alle Wege nach Rom führen, und sogar über Rom hinaus, so dass also tatsächlich jeder nach seiner Façon selig werden kann, nimmt Kafka demgegenüber die größtmögliche Opposition ein, indem er uns nicht nur die Ausweglosigkeit aller Wege vor Augen stellt, sondern darüber hinaus die Unmöglichkeit überhaupt eines Weges, der uns einer Seligkeit zuführen könnte...

Nach zehn Seiten Kafka blickt man vollkommen erstaunt auf die naive Selbstgewissheit einer Epoche, die mit einer kaum fassbaren Selbstverständlichkeit davon ausgeht, dass man doch gefälligst auf jedem erdenklichen Weg zu ihm zu gelangen habe- wenn es denn einen Gott gibt. Und man sieht sich an das ähnlich staunende Christus-Wort verwiesen:  "Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen..." (Mt 11,16)

Montag, 29. Juni 2020

In Peter Weirs Film 'Der Club der toten Dichter' konfrontiert der ungeheuer sympathische Lehrer John Keating seine Schüler mit verblichenen Fotografien, auf denen frühere Jahrgänge des Internats abgebildet sind: Damals hatten diese Absolventen das Leben noch vor sich. Inzwischen sind sie längst tot... Und John Keating flüstert seinen Jungs, die bestimmt schon tausendmal an diesen Memorabilien votbeigeeilt sind, ohne ihnen irgendeine Beachtung zukommen zu lassen, die geheime Botschaft der Bilder ins Ohr: Carpe diem, nütze den Tag... Eine Botschaft, die von den Schülern mit solch erstauntem Schrecken aufgenommen wird, als würden sie jetzt und zum allerersten Mal in ihrem Leben vor die Tatsache gestellt, dass auch sie einmal sterben werden...

Man könnte die Pandemie als einen ähnlichen, freilich deutlich unfreundlicheren Einflüsterer verstehen. Und die Botschaft? Vielleicht gleicht sie einem Aphorismus Franz Kafkas: "Ich irre ab. Der wahre Weg geht über ein Dratseil (sic!), das aber nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen als begangen zu werden." Auf jeden Fall ist eine Zeit, die seit langem nur Höhenflüge kannte und kennen wollte und Grenzen nur, um sie zu überwinden, gehörig ins Stolpern geraten...

Sonntag, den 14. Juni 2020

Während des Gottesdienstes umschwirrt das Gekrächz der Krähen das Kirchenschiff, verschafft sich Zutritt durch die geöffneten Fenster und umkreist, als gehörte es schon immer dazu, wäre geradezu dessen notwendiger Bestandteil, das liturgische Geschehen, senkt sich herab auf Gebete, Predigt, den stummen Gesang der Gläubigen.

Ihr schwarzgefiederten Freunde der Friedenskirche: Warum müsst ihr unsere stille Andacht stören mit eurem Geschrei? Warum müsst ihr euren misstönenden Gesang anstimmen, während der Gemeinde weitgehend auferlegt ist das Verstummungs-Gebot?  Worauf wollt ihr unsere Aufmerksamkeit lenken?

Ist es dies, dass sogenannte 'Krisen', seit es Menschen gibt, deren Geschichte umschwirrt? Auch sie immer schon dazugehörender, notwendiger Bestandteil unseres Daseins? Mitnichten also ein plötzlicher, unvorhersehbarer Fallwind, der über die liebliche Seelandschaft mitsamt der anmutig segelnden Schifflein einherfährt! Und kein heimtückischer Schicksalsschlag, der vermeintlich aus einem Hinterhalt hervorbrechend die friedlichen Wohnungen der Menscheit überfällt! 

Wann war je keine Krisenzeit? Oder zumindest Krisen-Stimmung? Das Gefühl also, auf unsicherem Boden unterwegs zu sein. Und auf schwankendem Untergrund... Ist es diese Frage, die wir eurem Trauergeister-Gekrächz zu entnehmen haben?

Wer vermag die Krähen zu verjagen? Wer könnte, solange die Fenster der Kirche zur Welt hin geöffnet sind, ihrem schrägen Gesang den Zutritt verweigern, ihren Beitrag zur Liturgie leichtfertig zurückweisen?

Ich will also die Frage der Rabenvögel in Empfang nehmen, mit ihr zurückwandern und die Perlenkette der vergangenen Jahre und Jahrzehnte fragend zwischen die Gedanken-Finger gleiten lassen...

Mittwoch, den 10. Juni 2020

Der Gesichtsverlust. Man wundert sich, dass die Angst davor - und dies in allen Schichten und Lebenskreisen - noch immer so lebendig ist. Und trotz einer Zeit, in der doch die alten ständischen Ordnungen mit ihren Hierarchien niedergerissen sind, man von einer großen Vergleichgültigung der unterschiedlichsten Lebensprinzipien sprechen muss, jeder also  nun wirklich "nach seiner Façon selig werden" kann: So dass es einem tatsächlich herzlich egal sein könnte, was andere über ihn denken!

Möglicherweise lässt ein das Berliner Großstadtleben beleuchtender Erfolgsroman aus dem Jahr 1931 an dieser Stelle tiefer blicken: "Wennse abreisen kommt ein Anderer und legt in ihr Bett. Schluß. Setzense sich mal ein paar Stunden in die Halle und sehnse genau hin: aber die Leute haben ja kein Gesicht! Sie sind nur Attrappen alle miteinander. Sie sind alle tot und wissen's gar nicht..."

Die Angst vor dem Gesichtsverlust also deshalb so groß, weil man untergründig ahnt, dass man das Gesicht in ganz anderer - man könnte vielleicht sagen: spiritueller - Hinsicht schon längst verloren hat?!? Wir also mitnichten in einem Zeitalter des Individualismus, sondern vielmehr des verlorenen Individuums leben!?

Das ließe auch verstehen, weshalb die großen Filmkünstler - ich denke insbesondere an Pier Paolo Pasolini, Andrej Tarkowski und Theo Angelopoulos - in ihren Werken geradezu Gesichtsstudien betreiben, in ihren Kameraeinstellungen - für manche quälend langatmig - auf dem menschlichen Antlitz verharren: Wie um wenigstens im Film festzuhalten und darauf beharrlich zu insistieren, was im sogenannten wirklichen Leben schon längst vom Aussterben bedroht ist...

Mittwoch, den 3. Juni 2020

Die derzeitigen Tage in Berlin Tage dienen - neben einem langersehnten familiärem Wiedersehen - auch dem Sammeln von Lesefrüchten:
„Unser Leben wird besser, wenn es uns gelingt, (mehr) Welt in Reichweite zu bringen, so lautet das unausgesprochene, aber im Handeln unablässig reiterierte und reifizierte Mantra des modernen Lebens. Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite größer wird: Dieser kategorische Imperativ ist ... in der Spätmoderne zum dominanten Entscheidungsprinzip in allen Lebensentscheidungen und über alle Lebensalter hinweg vom Kleinkind bis zum Greis geworden.“
So die eine zentrale These des Soziologen Hartmut Rosa in seinem Essay ‚Unverfügbarkeit‘. Der tritt eine zweite zu Seite dahingehend, dass die durch Welterweiterungs-Techniken permanent erweiterte Welt zugleich immer ärmer werde: Je mehr der Radius sich erweitert, desto resonanzärmer wird sie, verwandelt sich also in eine Welt, die - so heißt es dann - ‚einem nichts mehr sagt‘... (Dass einem die reichste aller Welten, die Welt Gottes, nichts mehr zu sagen vermag, versteht sich von dort her von selbst, muss einen also nicht im entferntesten mehr verwundern.)

Samstag, den 30. Mai 2020

Am Vorabend des Pfingstfestes aus dem Fenster schauend, könnte man glauben, ein sonniger Tag  erhebe sich wie ein freundlicher älterer Herr vom Tisch und begänne, sich verabschieden, indem er rundum den anderen Gästen, die mit ihm mediterrane Speisen im Lokal genossen, lächelnd zunickt und ihnen mit gelupftem Hut einen letzten Gruß zukommen lässt.

Indessen sah sich heute, wer dem mediterranen Anstrich des Tages getraut und ohne Jacke durch die Straßen zog, empfindlich getäuscht: Der vermeintlich so freundliche ältere Herr, der einem so sonnig zuzulächeln schien, kam mit kühlen Winden einher, die einen unversehens anbliesen, einem kalte Schauer über den Rücken jagden. 

Es ist kälter, als es den Anschein hat: Wie lange schon eine treffende Zustandsbeschreibung unserer Zeit!

Wie lange schon? Eine der Fragen bereits des tollen Menschen Nietzsches: "Ist es nicht kälter geworden?"

Und wie lange noch? "Man erstickt, aber die große Kälte naht." (Dimitri Analis)

Man erstickt, aber die große Kälte naht.

Man erstickt, aber die große Kälte naht.

Man erstickt, aber die große Kälte naht.

Man erstickt, aber die große Kälte naht.

Von Nietzsche und Analis her auf das Pfingstgeschehen blickend, wird man es jedenfalls kaum noch für einen Zufall halten, dass das Kommen des Heiliges Geistes als ein Feuersturm beschrieben wird: "Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und ... es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist." (Acta 2)

 

Donnerstag, den 21. Mai 2020

Himmelfahrts-Tag. In der Gloriolen-Wolke indessen die Zahlen der Pandemie: Wie viele infiziert, wie viele Genesene, wie viele Tote? In Deutschland, in Europa, in den USA? Und wie steht es um die Verdoppelungs-Rate der Fallzahlen?

Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat vom ‚Mysterium tremendum et fascinans‘ gesprochen, das mit der Erfahrung des Heiligen einhergehe. Die Begegnung mit dem Heiligen, beides gleichzeitig umfassend: ebenso fesselnd, wie beängstigend, ebenso anziehend, wie bedrohlich. Eine Erschütterung, die immer beides umfasst...

Man kommt nicht umhin, den Corona-Zahlen diese Aura des Heiligen zuzusprechen: Zu ihnen schaut man auf, fasziniert und ängstlich zugleich, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat…

Ernst Jünger hätte ein solches Aufschauen nicht verwundert, vielmehr darin nur ein weiteres Beispiel für jenes Phänomen erblickt, das er ‚Verzifferung der Welt‘ genannt hat: Die Zahlen haben die Herrschaft übernommen. Die Zahlen sitzen auf dem Thron. Den Zahlen wird gehuldigt. Ob nun in Gestalt von Statistiken, Beliebtheitswerten oder - weit umfassender, durchdringender noch - in der Mathematisierung der Wissenschaften, welche die Natur verwandelt vom Gegenstand der Anschauung in ein Objekt der Vermessung, und in der Digitalisierung unserer Lebenswelt, deren Krone und Szepter der Binärcode ist. 

Wohlmeinendere werden es anders sehen, werden den Blick auf die Möglichkeiten lenken, die dadurch sich doch offensichtlich bieten! Werden auch darauf verweisen, dass Zahlen ja nur die unabdingbaren Grundlagen sicherstellen: Wie soll es Ordnung geben, wenn schon die Zahlen nicht stimmen? Jünger würde darauf vielleicht in der ihm eigenen nüchterner Lakonik dahingehend antworten, dass in unserer Welt viel zu viele Zahlen stimmen, aber nichts in Ordnung sei…

Wie auch immer: Der Theologe wird sich das Aufschauen auf Zahlen ohnehin verboten sein lassen: Sich am Himmelfahrtstag zunächst in Erinnerung rufend, dass Gloriolenwolken, zu denen man aufblickt, nur dem Einen, dem Christus, zukommen. Und in der Erinnerung weiterschreitend: Dass im Buch der Offenbarung die höchste Gefahr und Bedrohung von einer Gestalt ausgeht, die tatsächlich im Zeichen der Zahl erscheint: die Trinität der 6...

Dienstag, den 19. Mai 2020

Ein Tag, wunderbar harmlos-unbeschwert, keinen besonderen Wert auf die Etikette legend, sondern in einem luftigen, schon ein wenig Haut zeigenden lockeren Frühlingsdress einherschreitend. Wenn ein paar Wölkchen aufzogen, dann nur um die Sonne ein wenig neckisch zu kitzeln. Und nicht um ihr die Herrschaft über den Tag streitig zu machen. Genauso leicht und locker ist auch die Nacht aufgezogen, hat keinesfalls einen schweren dunklen Mantel über den scheidenden Tag geworfen. Schwer ist in diesen Tagen nur die Menschenwelt.

Zu Beginn der Corona-Zeit wurde prophezeit, dieses Virus würde gleich einem wilden Vulkanausbruch das, was ein Mensch in seinem Inneren trägt, unkontrolliert nach außen werfen. Jede nur äußerlich angeeignete Kultur werde bei diesem Ausbruch weggesprengt. Dagegen trete ebenso wie die menschliche Qualität auch der verborgene Wahnsinn in all seinen Schattierungen ans Tageslicht, würde, wie ein Lavastrom, der den Hang hinabfließt, das Handeln des Menschen mit sich reißen. Der damaligen Prognose muss wohl zugestimmt werden. Höchstens dahingehend korrigiert, dass der Wahnsinn doch wohl ein wenig die Oberhand gewonnen hat.

Die Szenerie erinnert an den Fall Moosbrugger in Musils Opus Magnum 'Mann ohne Eigenschaften': Dieser offensichtlich von Wahnvorstellungen getriebene Prostiuiertenmörder, der über den ganzen Prozess dafür kämpft, darauf fortwährend insistiert, für zurechnungsfähig erklärt zu werden. Um nach erfolgtem Todesurteil dem Richter doch zuzurufen: "Ich bin damit zufrieden, wenn ich Ihnen auch gestehen muss, dass Sie einen Irrsinnigen verurteilt haben!“

Moosbrugger, diese Figur, die für Musil im Grunde die gesamte Menschheit abbildet: „Wenn die Menschheit als Ganzes träumen könnte, dann müsste so jemand wie Moosbrugger entstehen.“

Dieser ganze harmlos-unbeschwerte Tag, der doch offensichtlich niemand etwas Böses wollte: barg er also doch mit uns Menschen insgeheim in sich einen Alptraum ?

 Samstag, den 16. Mai 2020

Seltsam, dass trotz der vollzogenen und immer rascher sich abzeichnenden Öffnungen kaum das Gefühl einer Erleichterung, Entlastung, der Freiheit sich einzustellen scheint. Ähnlich dem Empfinden eines im Käfig Gefangenen, der zwar zusieht, wie langsam die Gitter hochgezogen werden, die Tür zum Verließ sich öffnet, im gleichen Augenblick aber erkennen muss, dass er sich in einer Wüste wiederfindet: Die langersehnte Freiheit wird am trostlosesten aller Orte in Empfang genommen. Was aber ist dort mit ihr anzufangen?

Irgendetwas ist in den letzten Wochen und Monaten entscheidend verletzt worden. Man spürt es deutlich. Immer ist es da: Bei jeder Begegnung, bei jedem Gespräch, beim Einkaufen,beim Essen und Trinken, bei Spaziergängen im Wald, kurz vor dem Einschlafen: Immer ist es da, gegenwärtig, rumort in uns. Aber man weiß trotz dieser permanenten Präsenz nicht recht, was es ist... Ein Sprung im Glas, der beim Anstoßen deutlich zu vernehmen ist. Aber er lässt sich mit dem Auge nicht entdecken, selbst wenn man das Trinkgefäss ins Licht hebt. Irgendein Hunger wütet in unserem Inneren, irgendein Durst quält uns, ohne dass wir ihn benennen, erfassen könnten. Erst recht keine Ahnung, wie sie gestillt werden könnten.

Man ist geneigt an die Prophetenworte des Amos zu denken: "Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören;dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden." (Amos 8, 11f.)

Die darin verborgen enthaltene Tragik erfasst ein Schrei Philippe Jaccottets in einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1945 in vollkommener Klarheit: "Könnte man den Hunger der Seele stillen, wie man den Hunger des Körpers stillen kann..."

Freitag, den 8. Mai 2020

Seltsame Unentschiedenheit eines Tages, der, bis in milchiges Licht hinein, zu müde und kraftlos zu sein scheint, um sich mit Inbrunst und Hingabe der Sonne zuzuwenden. Auch wenn er es mitnichten verdient hat, ausgespien zu werden, ist man doch geneigt, an jene Stelle aus den Sendschreiben der Offenbarung zu denken: "Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."

Indessen muss ich sogleich bekennen, dass die Herstellung einer solchen Verbindung zwischen Tag und Bibel nicht ganz zufällig ist, sondern inspiriert von einer heute gelesenen besonders bösartigen - Nietzsche würde gerade deshalb aber behaupten: besonders wahren - Feststellung Léon Bloys: „Die Menschheit ist derart degeneriert, dass sie nur noch ehrbare Bürger hervorbringen kann, das heißt weiche, klebrige Monster, die weder zu den Abgründen der Sünde noch zu den Abgründen der Tugend fähig sind.“

Mittwoch, den 6. Mai 2020

"Ob die Granatbäume blühen?" Dieses innige Denkmal, das Gerhard Meier seiner verstorbenen Frau Dorli gesetzt, habe ich erinnernd zwischen den Zeilen mitgelesen, als ich den bereits benannten Roman Bachtyar Alis zur Hand nahm. Nicht aufdringlich-zwanghaft, sondern den Lesenden eher wie ein Schmetterling auf stillen Gedächtnisschwingen umflatternd. Und dies, obgleich Bachtyar Ali sich nicht mit den zartfühlenden Pastelltönen feinen Andeutens begnügt, zu denen Gerhard Meier greift. Sondern einen orientalischen Geist atmet, sich wild und reich an Farben und Gerüchen verströmt: Aber es ist doch der Granatapfel, der zwischen den sonst kaum vergleichbaren Werken gleichsam eine geheime Brücke schlägt, dieser die Liebe umrankende Baum des Hohelieds, welcher bei Gerhard Meier Auferstehung und bei Bachtyar Ali Heilung verheißt.

Unübersehbar allerdings der Kontrast zum Ort der Gottesoffenbarung im Exodusbuch: zum kargen Wüstenstrauch, zum Dornbusch. Der Moses einstmals dadurch veranlasste näherzutreten, weil er nicht verbrannte. Als Gott seinen Namen offenbart, lösen sich die in Flammen stehenden Dornen also nicht auf in weiße Asche, sondern strecken sich weiterhin dem späteren Gottesboten spitz und starr entgegen.

Sehe ich richtig, dass sich von dort sich ebenfalls eine Brücke spannt? Eine andere Brücke,  eine Ponte dei Sospiri? Über die Dornenkrone Jesu hin zum Leib des Auferstandenen, an dem die Wundmale ebenfalls nicht zum Verschwinden gebracht worden sind? Vielmehr am Auferstandenen selbst unauslöschlich die Erinnerung wachhalten an die Kreuzigung?

Als wollte Gott bereits am Leib des Auferstandenen jener Versuchung entgegentreten, Ostern und den Akt der Auferstehung als eine schlichte Negation, als Aufhebung des Kreuzes so zu verstehen, dass es ungeschehen gemacht werden könnte…

Die Granatbäume blühen. Aber der Dornbusch brennt noch immer. Und die Wundmale bleiben.  

 

Montag, den 4. Mai 2020

Draußen das zarte, milde Licht des Frühlings, welches trotz aller Kraft, das es bereits entfaltet, doch weit entfernt ist von jener Brutalität, welche die Sommersonne auszustrahlen vermag. Das durchsichtige Hellgrün der Linde hat sich indessen schon in dunklere Töne hineinverfärbt, als ginge es ihr darum, so schnell wie möglich - ach, lasst uns doch vergessen! - jegliche Erinnerung an die kahlen Zeiten auszulöschen. Ich frage mich: Könnte er, der doch so vergessens-versessen zu sein scheint, je zu einem Baume der Erkenntnis werden?

Bachtyar Alis Erzählung 'Der letzte Granatapfel' rankt sich um einen solchen: Der Vater eines blinden Sohnes pflanzt einen Granatapfelbaum auf dem Gipfel eines Berges mit dem Versprechen, dereinst werde der Sohn von diesem Pflänzchen Heilung erfahren, werde er die blinden Augen geöffnet bekommen. Jahre später lässt der Junge sich von Freunden auf den Gipfel des Berges, dorthin zum Baum bringen, der endlich alt genug ist, um Früchte zu tragen. Endllich will der Knabe das versprochene Geschenk der Heilung in Empfang nehmen. In der Nacht erscheint jedoch der ermordete Vater dem Sohn im Traum. Liebevoll nimmt der Vater zunächst Anteil am Schicksal seines Kindes, das sich seit seinem Tod in der Gosse durchschlagen musste. Um ihm dann aber ein scheinbar schlimmeres Schicksal anzukündigen:

"Du bist der am meisten geliebte Sohn der Welt. Aber jetzt musst du noch tapferer sein. Du wirst aufwachen, und deine Augen werden immer noch gleich sein. Nein, ich habe dich nicht angelogen. Aber bis der Mensch sein Augenlicht findet, muss er sich sehr anstrengen. Um wirklich zu sehen, muss der Mensch vieles verstehen lernen und viel Bitternis kosten. Aber eines Tages wirst du zwei klare Augen besitzen. Deine Augen werden anders sein als die von anderen Menschen. Alle Menschen kommen blind auf diese Welt. Niemand wird sehend geboren. Glaub nicht, dass sehen kann, wer Augen hat. Auf dieser Welt ist Sehen das Allerschwierigste. Der Mensch kann zwei gesunde, offene Augen haben und doch nichts sehen. Nadimi, mein kleiner König, ich kann dir nicht helfen, aber der Granatapfelbaum kann dir beistehen. Du darfst vor der Nacht um dich herum keine Angst haben. In dir lebt der Funke des Lichts. Eines Tages wirst du in der Lage sein, verfaulte und süße Früchte an ihrem Geruch zu unterscheiden. Im Tonfall der Stimmen, an ihrem Atem wirst du die geheimen Begierden und Absichten anderer erkennen. Der Plan aller Wege wird sich in deinen Kopf einprägen, und du wirst dich nicht mehr verlaufen. Eines Tages wirst du sehen können, aber bevor du das meisterst, musst du die Bedeutung des Sehens verstehen. Jene, die mich töteten, hatten Augen, aber sie konnten mich nicht sehen. Immer wenn du dich müde fühlst, komm unter diesen Baum. Er ist der Baum des Sehens."

Ach, die Bäume, die vielleicht schon immer die geheimen Augenöffner waren: Der Wacholder über dem sterbensmüden Elia! Der Dornbusch, jener Baum, aus dem heraus Mose einst die höchste Erkenntnis, die Offenbarung des Gottesnamens, geschenkt bekam...

Aber was würde wohl den Wanderern zuteil, die unter unserer Kirchhof-Linde nächtigten? Ich gestehe offen, dass ich mir nicht allzu viel von ihr verspreche. Zumindest heute nicht, wo sie nicht gerade demütig, vielmehr eher herrschaftlich-stolz ihre Äste streckt und offensichtlich allzu sehr das Interesse hegt, das Gedächtnis an die kargen Wintermonate zu tilgen: und also sich zu beteiligen an den üblichen Blindenspielen derjenigen, die zu sehen glauben...

Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben: Vielleicht erfahren wir, die wir hier geboren blind, doch eines Tages Beistand auch von ihr? 

Donnerstag, den 30. April 2020

Der letzte Tag des April, dieses „cruellest month, breeding / Lilacs out oft he dead land“ (T.S. Eliot)

Am vergangenen Sonntag stand tatsächlicher Flieder auf dem Altar und verströmte seinen schwer-melancholischen, mütterlichen Duft, mir zugleich die dritte der großen Fragen Immanuel Kants ans Herz legend: „Was darf ich hoffen?“

Mittwoch, den 29. April 2020

Regen, Regen, heißersehntes Nass. Ich schreite vorbei an Gärten, Wald und Wiesen und vernehme den aus der Pflanzenwelt aufsteigenden heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit. Dabei den 3. Satz aus Beethovens Streichquartett Nr. 15 in a-moll im Ohr. Und die Dürre der Menschenwelt vor Augen…

Ich erinnere die Jahre vor der Wende 1989: Wer damals den Osten Deutschlands besuchte, spürte das Vibrieren der Luft und zugleich die innere Müdigkeit angesichts der staatlich verordneten Lobgesänge. Die Sehnsucht nach Wandel, Aufbruch und Reise. Ich erinnere danach die Enttäuschung, als die meisten vom Aufbruch Träumenden sich lediglich mit Brot und Spielen zufrieden stellen ließen. Und nur unzufrieden wurden, weil die diesbezüglichen Versprechungen unterboten wurden.

Und ich erinnere dies alles, weil der Duft von Wende auch heute wieder in der Luft liegt. Das Empfinden einer Not, der Abhilfe geschaffen werden muss. Einer tieferen, bei der es nicht nur um die Aufhebung staatlicher Beschränkungen geht… Vielmehr die untergründige Widerfahrnis des Christus-Wortes: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Alles wartet auf den Staat. Dass er zurücknehme die Auflagen, die er um des Virus willen verordnet hat. Aber was für Erwartungen hegen wir dabei? Sollten wir nicht etwas ganz anderes erwarten? Erhoffen? Ersehnen?

„Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat. Er ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen. Aber was hilft die Mauer um den Garten, wo der Boden dürre liegt? Da hilft der Regen vom Himmel allein. O Regen vom Himmel! o Begeisterung! Du wirst den Frühling der Völker uns wiederbringen. Dich kann der Staat nicht hergebieten. Aber er störe dich nicht, so wirst du kommen, kommen wirst du, mit deinen allmächtigen Wonnen, in goldne Wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die Sterblichkeit, und wir werden staunen und fragen, ob wir es noch seien, wir, die Dürftigen, die wir die Sterne fragten, ob dort uns ein Frühling blühe – frägst du mich, wann dies sein wird? Dann, wann die Lieblingin der Zeit, die jüngste, schönste Tochter der Zeit, die neue Kirche, hervorgehn wird aus diesen befleckten veralteten Formen…“ (Hölderlin, Hyperion)

Samstag, den 25. April 2020

"Wir leben unter finsteren Himmeln, und es gibt wenig Menschen. Darum gibt es auch so wenig Gedichte."
Nachdenken über C. In den verschiedenen Beiträgen zum Todestag des Dichters auch wieder der Hinweis auf die übergroße Empfindsamkeit des Autors: Selbst noch von Freunden sah er sich unversehens verlassen, verfolgt, angegriffen, gedemütigt, als jüdischer Poet in einem lediglich mit anderen Mitteln fortgesetzten Holocaust vernichtet. Die Tragödie der Hochsensitivität, mit der - und alle sind sich darin einig - kein Mensch auf Dauer existieren kann!

Vor Jahren habe ich im Zusammenhang einer Beerdigung einen jungen Mann kennengelernt, der einer ähnlichen Tragik unterworfen war: Ihm war es unmöglich, eine Wiese zu betreten, erst recht über sie hinweg zu schreiten. Denn bei jedem Schritt vernahm er die gequälten Schreie der Grashalme, die Seufzer der Blütenkelche, das Gewimmer zertretener Ameisen... Unendlich gerne hätte er in der Werkstatt als Schreiner gearbeitet: Aber selbst das tote Holz hörte er noch wehklagen. Auch er deshalb ständig von Suizidgedanken gequält...

Damals indessen der Gedanke, dass die Schwere mit der dieser Liebenswürdig-Überempfindsame zu kämpfen hatte, untergründig doch mit der Leichtigkeit zusammenhing, mit der wir anderen, wir lebenstüchtig Normalen lustig über die Wiesen tanzen: Kein einziger Schrei, welcher währenddessen je an unser Ohr dränge!

Vielleicht markiert ja genau diese Unempfindsamkeit gegenüber dem Seufzen der kleinen Kreatur, von Löwenzahn, Butterblume, Käfer und Mücke, die uns doch recht sorglos dahinleben lässt, den eigentlichen Ausgangspunkt für das, was wir, wenn der Schmerzenssschrei unendlich gesteigert uns erreicht, an unser taubes Ohr dringt, dann endlich als Unmenschlichkeit ansprechen.

Weiter das Empfinden, dass in diesem psychotischen Fluch doch auch etwas Christushaftes aufscheine: Eine innere Bereitschaft, alles Leiden der Kreatur vollkommen auf sich zu nehmen. Léon Bloy jedenfalls hätte mich in dieser Sicht der Dinge bestärkt:

"Jesus steht im Mittelpunkt von allem und jedem. ER nimmt alles auf SICH, ER trägt alles, erduldet alles. Es ist unmöglich, irgendeine Kreatur zu schlagen, ohne ihn zu schlagen, irgend jemanden zu demütigen, ohne damit IHN zu demütigen, irgendeinen Menschen zu verfluchen oder umzubringen, ohne IHN zu verfluchen oder zu töten." 

Die Frage letztendlich: Wie viel falsches Leben müssen wir leben, nur damit wir überhaupt leben können! Vielleicht sind es doch eher die Hoch-Sensitiven, die Verrückten, die Überempfindsamen, die Nicht-Lebens-Fähigen, welche die Flamme des wahren Lebens umkreisen...

Mittwoch, den 22. April 2020

Nach langem Schlaf hat sich in den vergangenen Tagen die Linde, die alte Königin des Kirchhofs, heimlich verstohlen den zartgrünen Morgenmantel des Frühlings übergeworfen. Wie um daran zu erinnern, dass sie bald schon den angestammten Platz im Thronsaal einzunehmen gedenkt als Hüterin der heiligen Gemäuer und Schutzherrin der Vögel. Sie wird wohl ein wenig verwundert sein darüber, dass sich bei diesem ersten öffentlichen Auftritt in diesem Jahr das übliche Publikum sehr rar gemacht hat: Fahrradfahrer und Fußgänger, die vorübereilen, ohne groß einen Blick auf sie zu werfen. Lediglich ab und an ein paar spielende Kinder, die sich etwas länger lärmend im Geviert aufhalten. Aber auch sie gehen ihrem Treiben nach, ohne die Queen zu würdigen und ihr die gebührende Referenz zu erweisen. Nur die Sonne kommt neben der gefiederten Dienerschaft, die das junge Blattwerk mit Gesang begrüßt, treu ihrer Aufgabe nach, den Festsaal mit stolzem Glanz zu erfüllen. Ob sich seine Majestät, die Linde, ähnlich von uns Menschen missachtet fühlt wie wir virengeplagte Menschen von Gott?

Montag, den 20. April 2020

„…denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken“. So Ingeborg Bachmann sehr wahrhaftig die Todeszüge in die Vernichtungslager und den Todesprung Celans in die Seine zusammenschließend, der sich heute zum fünfzigsten Mal jährt.

In 'The Dust of Time' lässt sich unmittelbar vor der Jahrtausendwende der Jude Jacob - gespielt vom unvergessenen Bruno Ganz - vollkommen ermüdet von jenem Jahrhundert, das er als ununterbrochen diensttuendes, alle Hoffnungen permanent auslöschendes Hinrichtungskommdo erlebt hat, den Tod mit weit geöffneten Armen willkommen heißend von einem Ausflugssschiff in die Berliner Spree fallen. Ich weiß nicht, ob Theo Angelopoulos - nunmehr sind es auch schon acht Jahre, seit er bei Dreharbeiten in Piräus tödlich angefahren wurde - bei dieser Szene an Paul Celan erinnern wollte. Könnte es sein, dann allerdings nicht nur, um den Tod in Empfang zu nehmen. Sondern Ruth, Noemi und Mirjam: All die, welche in die Gaskammern getrieben wurden und bei denen er - wie das Ingeborg Bachman zugeeignete Liebesgedicht bezeugt - Nacht für Nacht schlief, selbst wenn er bei anderen Frauen lag:

In Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Noemi und Mirjam sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam
und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen
:
Sie, ich schlief bei diesen!

Samstag, den 18. April 2020

Eine der geheimen Fragestellungen dieser Tage: Wo beginnt der Schmerz und was hält sich noch auf im weinerlichen Tränenfeld der Larmoyanz? Wo wirft der Karfreitag seinen Schatten und wo wäre letztlich von 'schmerzlichen Einschnitten' innerhalb einer immer noch reichlich ausgestatteten Komfortzone zu reden?

Wem stünde hierfür ein letztgültiger Maßstab zur Verfügung? Äußerliche Bewertungen stehen gewiss niemanden zu. Aber sicher helfen derzeit Seitenblicke in Richtung anderer Länder, um wenigstens sich selbst 'schmerz-geographisch' eingermaßen angemessen zu verorten. (Dass man von allen Seiten hört, es sei doch gut, dass man solche Krisenzeiten in Deutschland durchstehen dürfe(!), werte ich als Folge solcher Seitenblicke und als Zeichen einer durchaus zu begrüßenden Auferstehung der Dankbarkeit.)

Ähnliche Seitenblicke erlauben die Begegnungen mit Menschen, bei denen in keinster Weise Fraglichkeit besteht, auf welchem Boden sie stehen, vielmehr mit höchster Evidenz zu Tage tritt, auf welchen Wegen sie unterwegs sind: Das schmerzversunkene Trinken aus Getsemane-Kelchen (wir trinken abends, wir trinken mittags und morgens, wir trinken nachts, wir trinken und trinken) versus die tiefe Verzweiflung über verschüttetes Pappbecher-Getränk aus Coffee-to-go-Automaten...

Schließlich aber die Begegnung mit Gestalten, die sich selbst dort noch sprechenderweise der Wahrheit verpflichtet sehen, wo die üblicherweise einzuhaltenden Regeln der Höflichkeit es gebieten würden zu schweigen. (Vor Zeiten nannte man solche unangenehme, eigentlich untragbare Zeitgenossen Propheten...) 

Seltsam, dass ich in dieser Woche ausgerechnet auf solche Zeilen  gestoßen bin. So in der Wiederbegegnung mit einem bereits vor fast dreißig Jahren geschriebenen Essay von Botho Strauß: 

"Die Würde der bettelnden Zigeunerin sehe ich auf den ersten Blick. Nach der Würde - ach Leihfloskel vom Fürstenhof! - meines deformierten, vergnügungslärmigen Landsmannes in der Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit muß ich lange, wenn nicht vergeblich suchen. Wie sähe, denke ich oft, mein protziger Nächster aus, wenn ihn der jähe Schmerz oder Kummer träfe? Vielleicht träte zum Vorschein dann seine Würde." 

Wiederbegegnung auch mit Leon Bloy, dem radikal-katholischen Anarchisten, der im Schmerz und in der Armut die eigentlichen 'Notae ecclesiae' erblickte: die Spuren des Kreuzes, die der Christus immerdar den wahren Seinen auferlegt. Mit folgenden Worten beschreibt Bloy denn auch das finanzielle Elend im eigenen Haus: 

"Wir haben keine 10 Sous mehr im Haus. Menschlich gesehen ist die Situation mehr als furchterregend. Göttlich gesehen ist sicher alles in bester Ordnung."

Ja, auch dies vielleicht nötige Seitenblicke hinsichtlich 'schmerz-geographischer Verortungen', sich einer geheimen Fragestellung dieser Tage stellend: Wo beginnt der Schmerz und was hält sich noch auf im weinerlichen Tränenfeld der Larmoyanz...

Ostermontag, den 13.April 2020

Die Klaviatur der Ostergeschichten: Sie reicht von einem Fortissimo der Erschütterung angesichts des Einbruchs der Transzendenz mit Erdbeben und Furcht und Zittern auslösenden Engelserscheinungen bis hin zum Pianissimo zartester Innigkeit, wie sie in der johanneischen Auferstehungsoffenbarung vor Maria Magdalena anklingt. Ich gestehe, dass mir, obgleich ich ganz und gar nicht daran denke, die Klaviatur einseitig reduzieren zu wollen, dieses der Stille entlangwandernde Pianissimo näher liegt.

Dies aber vielleicht auch, weil mir eine kleine Schrift Gerhard Meiers sehr ans Herzen gewachsen ist, mit der er seiner geliebten Frau Dorli seinerzeit ein literarisches Denkmal gesetzt hat: 'Ob die Granatbäume blühen'...´Diese Briefzeilen sind ganz auch einer österlichen Innigkeit entsprungen. Kein Wunder jedenfalls, dass darin auf jene ganz im Raum der Stille sich aufhaltende Ostergeschichte angespielt wird.

"Dorli, als ich diese Worte zu deinem Abschied skizziert und mich nach Mitternacht hingelegt hatte, flammte in der Wohnstube Licht auf, pastellfarbenes, wallendes Licht.

'In allen Dingen erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Ärmsten, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.' (2. Kor 6,4+10)

Das waren deine Lieblingsverse. Wir setzten sie auf die Todesanzeige. Viele Leute kamen, um sich von dir zu verabschieden. Man reichte dir zweihundert Rosen nach. Und Pio Corradi stand lange am Grab. In der Kirche sang man das Lied vom Mond, dem aufgegangenen, und das Lied vom Herzen, das auszugehen und Freude zu suchen hat. Der Pfarrer verlas meine Worte zu deinem Abschied; sprach bewegend über dein Wesen, dein Wirken, deine Nähe zu Gott und dessen Sohn. Zwei Cellowerke von Bach wurden gespielt. Auf dem mittleren Chorfenster schritt Jesus über die Wolken. Auf dem Chorfenster links hielt er die linke Hand auf dem Haupt eines Mädchens. Auf dem Chorfenster rechts begegnete Maria Magdalena dem auferstandenen Herrn .

Und du, Dorli, schrittest über den Schattenteppich der Eukalypten am Ufer des Galiläischen Meers."

In dieser Innigkeit wird die Geschichte des stillen Gottesknechts Jesus österlich weitererzählt, welcher nicht lärmte auf den Gassen. Das geknickte Rohr nicht brach. Und den glimmenden Docht nicht auslöschte.

Diese Innigkeit in sich aufnehmen und in ihr zu verbleiben zu dürfen angesichts der furchtbaren Tragödien, die sich derzeit ereignen, aber auch angesichts der vom Theatrum Mundi aufgeführten Szenerien ist still-österlicher, christus-geschenkter Sieg. 

Donnerstag, den 9. April 2020

Direkt neben einem Haus, in welchem ein Mensch noch immer mit dem Tode ringt, als stiller Tröster ein herrlich blühender Magnolienbaum.

Erinnerungen an den Blüten-Regen der alten Königin des Innenhofs im Maulbronner Kreuzgang-Geviert, mit dem auch das, im Winter schmerzlich vermisste, leis-plätschernde Wasserspiel des Brunnens wieder einsetzte.

Während die Frühjahrsblüte der Obstbäume etwas luftig-leicht Beschwingtes an sich hat und lustig trällernd die Ankunft des Frühlings besingt, stimmen Flieder und Magnolie den dunklen, mit Melancholie durchsetzten Amselgesang an. Auch hat ihr Duft das fallende Laub des Novembers und die Winterfröste nicht einfach vergessen, sondern weiß von Schwermut und Tod. Ihr Blühen hat darum zweifellos mehr Gewicht, birgt das tiefere Geheimnis. Während Apfel, Birnen und Kirschen nur den hellen Mittag des Ostersonntags zu kennen scheinen, tragen Magnoliacea und die weiße oder violette Syringa überwältigend schön auch noch den schwarzen Flor des Karfreitags, die Tränen der Trauernächte, den Zweifel des Ostermorgens. Vollkommen in der Stille verharrend, ganz sich im Hintergrund haltend ist ihr Trost weit davon entfernt, jemandem zu nahe zu treten und ihn mit vermeintlich klugen Worten zu belästigen. Aber für die, die ihren Trost brauchen und suchen, sind sie da: wortlos, aber voller Zuspruch...

Darin sind Magnolie und Flieder vielleicht sogar Geschwister, zumindest aber enge Freunde der Abendmahlsgaben, die Trakl ja auch ganz im Raum der schönen Stille angesiedelt sah: "Es wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen." Ich werde also eure Blütenblätter neben Kelch und Korb über den Altar verstreuen!

Sonntag, den 5. April 2020

„Geduld destilliert man aus viel Erduldetem. Man wartet geduldig, man erkrankt geduldig, man erzählt geduldig, ja man weint sogar geduldig.“ (Botho Strauß)

Dies gelesen, wird man darauf gestoßen, dass es in diesen Tagen immer mehr an  Geduld zu fehlen scheint. Mit Händen zu greifen der immer dringender werdende Wunsch, die Virus-Zeit möge doch bitte jetzt bald vorbei sein und schleunigst aus unserem Leben verschwinden!

Ich sehe mich nun nicht in der Lage, über das Urteil der Virologen und Mediziner und die Entscheidungen der Politik meinerseits ein Urteil abzugeben: Um hierfür berechtigt zu sein, müsste ich – und im Voll-Sinn dieses Wortes - ein Urteil abgeben können. (Das Missliche ja an vielen Verlautbarungen und Aburteilungen, dass Menschen sich allein schon dadurch dazu befähigt sehen, dass sie ihnen leicht über die Lippen gehen.) Ich bekenne indessen offen und frei: Ich kann es nicht! Und ich weiß deshalb also nicht, ob die nun recht haben, die zur Geduld mahnen. Oder diejenigen, die zu mehr Ungeduld aufrufen. Aber ich nehme wahr, dass die wachsende Ungeduld doch etwas hat von einem kleinen Kind, das trotzig und laut das ihm vermeintlich Zustehende einklagt: „Ich will aber…“  

Ich bemerke weiter, wie schnell man erschrocken bereit ist, dem trotzigen Kind von allen Seiten beizuspringen: Wenn man ihm schon nicht das Gewünschte reichen kann, dann beeilt man sich, das arme Kindlein wenigstens mit Ersatzangeboten und Surrogaten zu beschwichtigen. (Ich muss gestehen, dass ich auch manches, was von Seiten der Kirchen den eigenen Gemeindegliedern – aber sind das trotzige, kleine Kinder? – schnell, schnell nahezubringen gedenkt, als ein solches erschrockenes Beispringen betrachte…)

Noch einmal: Nicht geht es mir um das Recht oder Unrecht bestimmter Maßnahmen. Ich meine nur zu bemerken dieses Ermangeln jeglicher Geduld…

Könnte es also sein, dass man später, wenn man mit dem Abstand von Jahrzehnten und Jahrhunderten auf unsere Zeit blickt, weniger von der Epoche einer immer atemloser sich vollziehender Beschleunigung sprechen wird? (Ohne damit der Zeitdiagnostik Paul Virilios in jeder Hinsicht widersprechen zu wollen!) Sondern vom Zeitalter der Ungeduld?  Von einem Zeitalter, dessen Erkennungszeichen es ist, dass es nicht nur die Widrigkeiten des Daseins nicht mehr ertragen will? Sondern sie auch schon nicht mehr ertragen kann?

Dafür spräche, dass sich die Ungeduld längst nicht nur auf die groß-schicksalshaften Anschläge aufs Leben bezieht. Sondern bereits auf alles, was man schlicht und einfach als unangenehm empfindet. Es also schon längst nicht mehr geht um den sisyphoshaften Aufstand gegen das Leid im Sinne Albert Camus. Oder mit Elias Canetti um den Protest gegen den Tod. Sondern darum, dass man grundsätzlich nichts mehr zu erdulden bereit ist. (Psychologisch gesprochen: Die Frustrationstoleranz tendiert, egal ob im Beruf oder im privaten Leben, gegen Null.) Indem man aber den kräftezehrenden Marsch durch die Wüste möglichst von Anfang an verweigert, ihn in keinster Weise anzutreten gewillt ist, wird zugleich – um wieder Botho Strauß aufzunehmen – jenes edle Destillat mit Namen ‚Geduld‘ verunmöglicht. Dafür gießt man sich den billigen Schnaps jener Larmoyanz ins Glas, die schon beginnt zu klagen, bevor sie überhaupt angefangen hat, irgendetwas zu ertragen… Also die Geduld das einzige, was in einer Zeit, der alles möglich ist, immer unmöglicher wird?

Der Seher-Blick von Botho Strauß öffnet indessen, indem er so zu fragen Anlass gibt, auch die Augen für den heutigen Palmsonntag, den Ritt Jesu durchs Stadttor von Jerusalem, den Eintritt in den innersten Kreis der Passionszeit: Unmöglich jetzt nicht zu sehen, vor allem mit welcher Geduld der HERR das Kreuz und alles mit dem Kreuz Verbundene und alles mit ihm ans Kreuz Geheftete ertragen hat!

Paul Gerhard hat also recht, hier ein zentrales - unbedingt mit Bachschen Chorälen zu hörendes - Leitmotiv der Passionszeit zu bemerken und zu benennen: „Nun, was du, Herr, erduldet…“

Freitag, den 3. April 2020

Mit Ernst Jünger unterwegs auf Waldgängen. (Selbst wenn am See sich die Wälder sehr kümmerlich ausnehmen verglichen mit jenen Waldgängen, wie sie im Schwarzwald möglich waren. Was allerdings keine Rolle spielt: Schließlich sind die ‚Waldgänge‘, die mit Ernst Jünger unternommen werden, ohnehin – und im Doppelsinn des Wortes - von anderer Natur.)

Ich meine, kaum ein Autor – vielleicht noch Friedrich Nietzsche, was die Intensität der Auseinandersetzung angeht? - ist mir je so nahegestanden wie er. Zwar sind solche Selbsteinschätzungen immer jenen besonderen Trübungen unterworfen, die für jede biographische Betrachtung gelten: Man ist sich selbst ja nicht nur der Nächste, sondern auch – und vielleicht noch mehr - der Fernste. Dass ich dennoch an dieser Selbstansicht festhalte, hat nicht nur mit der langen Zeit, die ich lesender-weise mit Jünger verbracht habe (wie viele Nachmittage, Abende und Nächte!), zu tun. Nicht nur mit der Fülle der Einsichten, mit denen er mich beschenkt und schließlich geprägt hat. Sondern mit der Ausbildung jenes Wurzelgeflechts, das sich im Seelisch-Unterirdischen (nicht einfach nur Unbewussten!) bildet und dem üblichen Wach-Bewusstsein sich entzieht. Dem man vielmehr ansichtig wird in seltsamen Träumen und Begebenheiten.

Die vielleicht Tiefste davon am Dienstag, den 17. Februar 1998: In den Wochen, Monaten und Jahren davor hatte ich – ich erinnere bewusst noch einmal daran - mit dem Werk Jüngers geradezu gelebt. Gegen Abend von einer Pfarrerfortbildung heimgekommen, schalte ich den Fernseher an, um die Nachrichten des Tages zur Kenntnis zu nehmen, bevor ich mich zu einer Gemeindeveranstaltung begeben wollte. In dem Augenblick, in dem ich den Einschaltknopf des Gerätes betätige, fährt in mich wie ein Blitzschlag die Erkenntnis: „Heute bringen sie die Nachricht, dass Ernst Jünger gestorben ist.“ Und es war dann auch in der Tat gleich die erste Meldung…

Ich weiß noch, wie mich einerseits höchstes Erstaunen ergriff. Andererseits aber auch ein Empfinden dahingehend, dass ich mich selbst doch am wenigsten über dieses innere Wissen wundern sollte: „Du hast doch mit ihm gelebt…“

Zwei zentrale Hinterlassenschaften Jüngers – auch sie gehören für mich zu den Zeitzeichen dieser Tage:

„Die Überwindung der Todesfurcht ist zugleich die Überwindung jedes anderen Schreckens: sie alle haben nur Bedeutung hinsichtlich dieser Grundfrage“. Jünger hat die Überwindung der Todesfurcht als die Grundaufgabe jeder Religion begriff, und zugleich auch als eine Art von Barometer, mit dem sich messen lässt, wie es um die Kraft einer Religion bestellt ist. Ebenso wie umgekehrt das – erst recht massive - Aufkommen von Ängsten jedweder Art anzeigt, wie es mit dem Glauben (bzw. mit der Gottlosigkeit) einer Gesellschaft bestellt ist…

Jünger, dieser nächtliche Turmwächter, hat schon Krisenzeiten ausgemacht, Vorgänge gesichtet, als die späteren Krisenmanager noch im Bett den Schlaf der Gerechten schliefen! (Dass man ihn im Nachhinein auch noch als Verursacher brandmarken wollte, hat ihn zu der süffisanten Bemerkung veranlasst: „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein.“) Dennoch wird man ihm am wenigsten gerecht, wenn man ihn als Dunkel-Propheten begreift: „Die Rettung hat sich in meinem Leben oft wiederholt. Das kann kein Zufall sein.“  Dieses tiefe Bewusstsein eines letzten Bewahrt-Bleibens. Damit verbunden die Erkenntnis, dass dieses Bewahrt-Bleiben nicht nur geglaubt werden muss, sondern wahrgenommen werden kann: Warum? Weil es sich Tag um Tag ereignet. Recht besehen, bleibt das Unglück die Ausnahme. Selbst dort, wo es scheinbar eintrifft, der Blitz einschlägt und das Haus in Flammen steht, findet es letztlich nicht statt. Denn dann tritt nur eine andere Form von Bewahrung auf den Plan: Zwar brennt das Haus, aber die Bewohner sind längst gerettet, haben längst in einem anderen Haus Zuflucht gefunden.  

Wer muss also Furcht vor dem Tod haben, wenn er von diesem Bewahrtsein weiß? Und: Wer muss überhaupt Angst haben, wenn einer davon Ahnung hat? Wieder die Frage nach der ‚Überwindung der Todesfurcht‘: Der Kreis schließt sich…

Mittwoch, den 1. April 2020

Drei Gedichtzeilen, Zeitzeichen - womöglich wie keine anderen sonst in diesen Tagen: 

"Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander"... (Hölderlin) Täuscht der Eindruck? Oder haben die Gespräche dieser Tage nicht doch eigentümlich an Tiefe gewonnen? Als müssten wir, Reben gleich von kargem Boden gezwungen, ins Erdreich der Seele hinab und uns ungeahnten Gesteinsschichten zugraben. Und als brächten die Worte, kostbar und dicht geworden und angereichert mit salziger Mineralik, nunmehr schweren, würzigen Wein hervor: Wein, welcher es nicht verdient, besinnungslos herabgestürzt zu werden, sondern danach ruft, das nach Sehnsucht duftende Kaminfeuer der gegenseitig sich beflügelnden Gedanken zu entzünden...

"Du mußt dein Leben ändern." (Rilke) Kaum ein Satz zuletzt so oft vernommen wie diesen hier: "Es konnte und kann ja nicht so weitergehen wie bisher!" Und ich vernehme darin nicht nur ein Erschrecken oder ein Schuldbekenntnis, so wie sich einer auf einmal vor den Scherbenhaufen seines Lebens gestoßen sieht. Sondern seltsamer noch, als käme uns, indem uns die Bürde des Virus auferlegt wird, auf einmal zu Bewusstsein, welch andere Last uns diese Tage von den Schultern genommen. Die Bürden, die wir Tag um Tag, Jahr um Jahr besinnungslos zu tragen gewohnt sind. Jenen im Kleid der Normalität einherschreitenden Wahnsinn... In unseren Ohren jetzt also der Gesang von Psalm 90: "Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz." Und der Ruf, den Rilke vom archäischen Torso des Apollo her enpfangen.

Wird die Welt nach Corona eine andere sein? Manche, etliche glauben es. Sind sich sogar darin sicher. Ich erinnere indessen, wie das mittlerweile hochbetagte, bis heute geistig bewegte Schömberger Fräulein (für sie ein Ehrentitel!), welches in Basel zu Füßen Karl Barhs dessen Vorlesungen gelauscht, des öfteren von der Stimmung unmittelbar nach dem Kriegsende berichtet hat: Die Kirchen voll, die Menschen geistlich ergriffen und von der inneren Gewissheit getragen, sie seien Zeugen einer großen geistigen Zeitenwende. Alle erfüllt vom Glauben, sie würden für immer einer anderen, neuen Ära angehören. Und sie alle wären Empfänger und Besitzer einer Wahrheit, die nimmermehr verloren gehen könne. Und ich höre die alte Dame nach ihrem Erzählem und sich im Zeitalter des real existierenden Materialismus wiederfindend resigniert aufseufzen: "Was ist nur von diesem Aufbruch der Nachkriegszeit geblieben?"

Ich erinnere weiter den Schuldekan, der - und dies ist so lange nicht her - nach dem Amoklauf von Winnenden der festen Überzeugung anhing, dass nach diesem erschütterndem Schicksals-Datum unabänderlich nicht nur die Schul-Welt verändert wäre. Ich weiß es nicht, vermute aber doch, dass er diesem Glaubem mittlerweile abgeschworen hat...

Für mich bleibt fraglich, ob und was diese Wochen nicht nur anrichten, sondern vielleicht auch bewirken werden. Über unserem Haupt also nicht nur das Damoklesschwert des Virus, sondern ein 'Wir wissen ja nicht', das wir indessen nicht anstarren sollten, als stünden wir einer mit ihrem Blick uns alle zu Stein verwandelnden Medusa gegenüber. Ach, wie klar und tröstlich die Gedicht-Zeilen der Inger Christensen:

 "wie ein vogel der / unsichtbar erwacht / und um mitternacht / sein ungeborenes junges füttert / wenn niemand wissen / kann ob die dinge / so wie sie sind / weitergehn 

Sonntag, den 29. März 2020

Heute ist Ernst Jüngers Geburtstag. Welcher in diesem Jahr mit einem Jubiläum einhergeht: Vor nunmehr 125 Jahren wurde der Schriftsteller, der bis heute zumeist mit dem Attribut ‚umstritten‘ bedacht wird, in Heidelberg geboren.

Ich teile indessen die bereits anlässlich von Jüngers hundertstem Geburtstag zum Ausdruck gebrachte Überzeugung des - freilich ebenfalls durchaus umstrittenen - Autors Botho Strauß: „Die Epoche der deutschen Nachkriegsliteratur wird erst vorüber sein, wenn allgemein offenbar wird, daß sie vierzig Jahre lang vom Jüngerschen Werk überragt wird. Er ist nach dem Krieg der Vergegenwärtiger, der Gegenwartsautor schlechthin gewesen.“

Einzige Korrektur: Jünger ist für mich noch immer der Gegenwartsautor. Kaum ein anderer hat den menschlichen Titanismus, die Mechanismen und die Folgen der Selbstverzauberung durch die Technik, die sich selbst überhebende Turmbau-Mentalität der Moderne so klar erkannt und benannt wie Ernst Jünger.

(Der These Max Webers, die Moderne und ihre Rationalität brächten eine Entzauberung mit sich, hätte Jünger - soweit ich sehe, hat er sich nie explizit mit ihr auseinander gesetzt - deshalb nur mit Blick auf Religion und Kunst zugestimmt: Allein hier findet sie statt. Dies allerdings auf der Grundlage einer anderen, viel gründlicheren Verzauberung: der titanischen und ihrer Umwertung aller Werte...) 

Auf die Möglichkeit angesprochen, dass er vielleicht als ein Autor in die Geschichte eingehen werde, der in drei Jahrhunderten zu Hause war, soll der 1895 geborene Jünger, der die Vernichtungsszenarien des 20. Jahrhunderts durchschritten und überlebt hatte und  nun als noch immer rüstiger Greis auf die Jahrtausendwende zuging, übrigens zurückhaltend, ja abweisend reagiert haben: Drei Jahrhunderte zu erleben, überschreite das menschliche Maß. Schon eine diesbezügliche Erwartung zu hegen, sei als Hybris zu werten. Seinem Tod im Februar 1998 wird er deshalb kaum überrascht entgegengesehen haben.

Überrascht hätten ihn aber die vielen Stimmen, welche die gegenwärtige Krise durch die rasante, weltumspannende Ausbreitung des Virus als Antwort (der Natur? Gottes?) auf eben diese titanische Ausbeuternatur, die zerstörerische Überheblichkeit des Menschen deuten. (Kaum ein Gespräch in den letzten Tagen, in dem ich nicht darauf verwiesen würde!) Nicht, weil Jünger ihnen die Zustimmung verweigert hätte. Im Gegenteil, der Autor hat ja in der Natur mitnichten nur Materie und erst recht nicht Material erblickt: Für Jünger war die Natur vielmehr eine durchaus subjekthafte Wesenheit, die deshalb Prozesse nicht lediglich erleidend über sich ergehen lassen muss, sondern sie über Jahrhunderte, in gleichsam epochalen Atemzügen, auf den Weg bringt und gestaltet: Ja, die Natur antwortet! Und zuweilen zwingt sie den Menschen auch, Fragen zu stellen...

Überrascht hätte Jünger allerdings, dass diese Stimmen so zahlreich zu vernehmen sind. Daraufhin hätte er inständig gehofft, dass sie sich nicht bloß einer Katastrophenstimmung verdanken: Denn der menschliche Titanismus kann letztlich nicht nur durch Katastrophen ans Ende geführt werden. (Freilich auch dies: Dementsprechend hat Jünger bereits den Untergang der Titanic im Jahr 1912 als prophetisch-epochales Zeichen gedeutet.) Sondern er muss auch geistig zu Ende gedacht, zu Ende gebracht werden. Also vor allem dadurch, dass der titanische Zauber - wie er übrigens noch immer zu studieren ist anhand der kindlichen und jugendlichen Faszination durch die virtuellen, computeranimierten Welten – nicht mehr wirkt, nicht mehr verblendet...

In diesem Sinne könnte das über 20 Bänden umfassende Jüngersche Œu­v­re als Ausformulierung und Variation des einen apostolischen Zurufs verstanden werden: „Ihr törichten Galater! Wer hat euch nur verzaubert?“ (Gal 3,1)

Freitag, den 27. März 2020

Eine Probe zu Anton Bruckners 9. Symphonie mit den Müchner Philharmonikern unter der Leitung des Dirigenten Sergiu Celibidache.

Erinnerungen daran, dass ich die Sommerferien 1996 am Bodensee verbrachte, am Ufer entlangfuhr mit ein paar Fläschchen vom Weingut Aufricht in den Fahrradtaschen. Vor allem aber voller freudiger Erwartung, den auch von mir verehrten Maestro in wenigen Wochen endlich in einem Konzert erleben zu dürfen: Der in München wohnende Bruder hatte mir eine erst sehnsüchtig erbetene und schließlich überglücklich bedankte Eintrittskarte zukommen lassen. Dann - noch immer am Bodensee weilend - die unfassbar über mich hereinbrechende Nachricht, dass Celibidache in seiner Mühle in La Neuville-sur-Essonne plötzlich verstorben sei. Und auf einmal sorgte das Billett für den Eintritt in den Münchner Gasteig, um dem Gedächtniskonzert beizuwohnen, mit dem die Philharmoniker ihrem großen Meister die Ehre erwiesen: Gespielt wurde - etwas anderes konnte es nicht sein - Bruckners letzte Symphonie 'an den lieben Gott'. Ich meine, Zubin Mehta nahm damals zwar am Dirigentenpult Platz, aber die geistige Leitung hatte - kein Augenblick, in dem daran hätte Zweifel aufkommen können - der inne, dem dieses Konzert gewidmet war: Dieses Konzert auch deshalb ein Schatz eingesenkt im Ackerboden meiner Seele...

Am gestrigen Abend bewegte mich indessen diese tief-verehrende Hingabe des Dirigenten an den Brucknerschen Kosmos: In dieser Probe gab es nichts anderes als eben nur diese 9. Symphonie, zwar pausenlos durchsetzt von Unterbrechungen und Wiederaufnahmen des musikalischen Fadens, aber doch einen inneren Bogen spannend. So wie es Celibidache selbst benannt hat: Eine Probe bestünde aus vielen Tausend Neins, aber dies nur, um zu dem einen Ja zu kommen, in dem einzig und allein ein Musikstück und erst recht eine Symphonie von Anton Bruckner entstehen, sich ereignen könne. (Deshalb auch seine Ablehnung jener geläufigen Überzeugung, die in einer Aufführung nur die Interpretation eines Musiksstücks sehen will: Wie soll auch ein solches Ja, dieses 'So ist es', nur eine Interpretation sein können?  Dann wäre auch jedes liturgisch gesprochene Amen lediglich ein Interpretament...)

Gerade diese innere Hingabe sorgte aber auch dafür, dass sich trotz dieser Bruckstückhaftigkeit, trotz dieser Zerrissenheit, die mit einer Probe einhergehen muss, die geistig-spirituelle Welt abbildete, in welcher Bruckner mit seinen Klang-Sternen die Sonnen des göttlichen Universums umkreist, mit der Kelle des Staunens aus dem Ozean Gottes schöpft, anbetend niedersinkt vor der unendlich erhabenen, divinen Majestät.

Eine geistige Welt angesichts derer - es lässt sich nicht anders sagen - der Großteil der Fragen, die uns derzeit beschäftigen, sich wie Lappalien ausnehmen: Ahnlich wie bei Bach wird einem in höchster Intensität der Geschmack fürs Unendliche zuteil. Bekommt man, wie eine Frau im Schoß ein Kind empfängt, die Ahnung in die Seele gelegt, dass vor dem Angesicht Gottes selbst der Tod nur eine lächerliche Lappalie ist...

Léon Bloy, dieser von solcher Ahnung beseelte katholische Erzanarchist, konnte deshalb einmal bemerken: der Tod sei nicht viel mehr, als wenn man Staub von einem Möbelstück wische...

Ja, worüber machen wir uns eigentlich Gedanken? Nur eine Probe von Bruckners 9. Symphonie - und schon ist die Frage aller Fragen gestellt: "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" (Mt 14, 31)

Donnerstag, den 26. März 2020

Es ist wieder kalt geworden. Scharfer, schneidender Eiswind in den Obstgärten und auf den Feldern erinnert eher an den Herbst als ans Frühjahr. Selbst die Sonne lächelt sehr kühl auf uns herab, verweigert ihren Strahlen jeden Anflug warmer Zärtlichkeit. Über den Tag sind noch dazu müde Wolken aufgezogen. Wer zuletzt darauf gehofft hat, der Frühling gäbe endlich einen gebührenden Einstand, sieht sich getäuscht.

Als fügte sich die Natur ein - zwar auf ihre Weise, aber doch voller Mitleid (das Seufzen der Kreatur in Röm 8!) - in das Schauspiel jener Menschenwelt, in der jede Veranstaltung ausfallen muss: Auch der Frühling hat nun also seine Vorstellung vorerst abgesagt...

Dienstag, den 24. März 2020

Viele Gespräche kreisen um das 'Warum' dieser Krisenzeit. Offensichtlich gibt es weithin ein untergründiges Empfinden, dass diese Zeit nicht einfach nur über uns hereinbricht, nicht einfach nur 'geschieht', sondern vielmehr uns etwas zu sagen hat, eine Botschaft überbringt. Das Ereignis selbst: nur ein großer Briefumschlag, den es öffnen gilt...

Wenn die gegenwärtige alttestamentliche Wissenschaft recht hat, dann war die Zerstörung Jerusalems im 587 v. Chr. und die Verschleppung ins babylonische Exil die eigentliche Geburtsstunde Israels, der eigentliche Ursprung jener biblischen Bücher, die später zur  Heiligen Schrift des Judentums wurden. Das Alte Testament: im Grunde ein einziges großes Kreisen um diese Katastrophe, ein Versuch, den Umschlag zu öffnen, den darin enthaltenen Brief zu lesen und dessen Botschaft zu verstehen. Und weiter noch: einzelne Bruchstücke dieser Briefzeilen sogar noch in Ereignissen und Botschaften vor jenem Sturz von Jerusalem zu entdecken. So enthüllt sich dem Volk Israel erst Jahrhunderte später das Geheimnis der Prophetie, das Geheimnis des "Co amar Jahwe..., so spricht der HERR."

Das Werden des alttestamentlichen Schrifttums hätte also durchaus Züge der Philosophie Hegels: Auch Hegel war davon überzeugt, dass man erst im Nachhinein, erst spät am Abend, wenn der Tag sch vollendet hat, also unmittelbar vor dem Einbruch der Nacht, den Briefumschlag zu öffnen vermag und zu verstehen beginnt, was ein Ereignis wirklich bedeutet: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."

Darin übrigens einig mit Kierkegaard. Nur dass der darum wusste, welche inneren Kämpfe, ja welche Tragik damit verbunden ist, wenn man stets auf das 'D a n a c h' zu warten hat: "Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muß man es aber vorwärts." 

Derzeit bleibt uns nichts anderes, als vorwärts zu leben: Wir rütteln an den Ereignissen. Und ahnen und vermuten. Und ahnen wiederum, dass alles nur eine Vermutung ist. Weil das Geschehen sein Geheimnis noch nicht enthüllt. Und rütteln doch erneut an den Ereignissen...

Sonntag, den 22. März 2020

Ist es nur Einbildung oder ist es tatsächlich so, dass der sonntägliche Ruf der Glocken in einer anderen Intensität als sonst zu vernehmen ist? Jener Ruf, der urplötzlich, von einer Woche zu nächsten, nicht mehr den einladenden Auftakt, das Eingangstor zum Gottesdienst bildet, sondern vielmehr dessen 'Fehl' verkündet: also eine Tür öffnet, hinter der sich die große Leere auftut? 

Vielleicht ist dies so, weil an die Stelle der Gewohnheit die Wehmut tritt? Und der Gottesdienst auf den Flügeln der Wehmut sich erhebt über jene Routine, die Rilke als die große Leere inmitten scheinbarer Fülle beklagt hat (die Kirche "reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag".) Der Gottesdienst gerade durch sein Nicht-Stattfinden eine ungeahnte Adelung erfährt?

Das wäre dann ein Beispiel für jene seltsame Dialektik von Gegenwart und Abwesenheit, die darin besteht, dass gerade das, was man vermisst, weit stärker 'präsent' sein kann als das, worüber man in gewohnter, regelmäßiger Selbstverständlichkeit verfügt. In dieser Dialektik kann sich also die Leere, der schmerzlich empfundene Mangel gleichsam unter der Hand in eine ungeahnte Fülle verwandeln... 

So auch heute morgen: Weil man vor dem inneren, geistigen Auge die vielen gefalteten Hände vom Glockenklang gleichsam versammelt sieht, wird das Geläut plötzlich zu einem Geleit: vieler Bitten, die der Gesang der Glocken zu einem einzigen Gebet verdichtet hat, das nun wie unsichtbarer Opferrauch aufsteigt zum Himmel...

So betrachtet, wurde - und vielleicht sogar feierlicher als sonst - tatsächlich heute morgen Gottesdienst gefeiert. Und noch dazu ganz im Sinne Ernst Jüngers, für den das Gebet die unzerstörbare Essenz jedes Gottesdienstes, ja überhaupt jeder Religiosität darstellte: "Von allen Domen bleibt nur noch jener, der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird. In ihm allein ist Sicherheit."

Freitag, den 20. März 2020

Das über uns hereingebrochene Unglück wirft uns auf uns selbst zurück, führt uns in die Vereinzelung.

Im Grunde liegt darin nichts Besonderes. Jeder etwas kräftigere Schicksalsschlag zeitigt dies: Der von ihm Getroffene nimmt dann ein 'Ausgesondert-Sein' wahr, welches einen Abstand schafft zu denen, die verschont geblieben sind. Was bedeutet: Auch wenn noch so viele sich um 'unsern Hiob' scharen, um ihn zu trösten, und alle die tiefe Überzeugung hegen, der Unglückliche sei doch eingebettet in ihre verständnisvolle Gemeinschaft, brennt jenem das Mal einer unaufhebbaren Einsamkeit auf der Stirn... Nur dass in der bösen Zeit, die wir gegenwärtig erleben, nun eben alle mehr oder weniger getroffen sind, alle ein klein wenig den Anhauch der Einsamkeit verspüren, weil die Fluchtwege in die sonst gelebte - auch gottesdienstliche - Gemeinschaft weitgehend versperrt bleiben.

Kierkegaard allerdings hätte ein solches Ereignis nicht beklagt, sondern geradezu als Glücksfall, ja mehr noch: als gnädiges Gottesgeschenk, gefeiert und gepriesen. Genauso wie er in unserer Epoche - und anders als die meisten heutigen Denker - nicht ein Zeitalter des Individualismus erblickt hätte, sondern gegenteilig eine Ära eines höchsten Individualitäts-Verlustes: Denn die bloße Tatsache, dass einzelne Menschen die Dinge weitgehend für sich selbst entscheiden und regeln können, macht sie noch lange nicht zu Individuen. Sie gibt die Menschen allenfalls der Illusion der Individualität anheim. In Wahrheit sind sie aber "immer von sich selbst abwesend und niemals präsent“

Ausgesondert und in die Einsamkeit geführt zu werden: Das kann auch zu einer Tür führen, die uns einen anderen Raum betreten lässt. In dem  mag es geschehen, dass wir unversehens uns selbst antreffen. Und zugleich mit uns - jedenfalls ist Kierkegaard davon überzeugt - auch Gott.

Sich selbst als ausgesondert erfahren. Sich selbst in der unaufhebbaren Stille der Einsamkeit - denn kein Mensch kann einen anderen darin vertreten - vor Gott gestellt sehen: das ist jener Augenblick, das alles entscheidende Datum, in welchem die Tiefe einer Person geformt wird.

Kierkegaards Sehnsuchtsschrei deshalb ein Schrei nach Einsamkeit und Stille: "Oh, schafft Stille!"

Sollte er in diesen Tagen Erhörung finden?

Donnerstag, 19. März 2020

Wie schon in den vergangenen Tagen so auch heute wieder die unfassbare Schönheit einer von milden Frühlingswinden geküssten Erde, auf der alles, noch dazu wunderbar begleitet vom Konzertgesang unserer gefiederten Freunde, zu erwachen scheint und Auferstehung verkündet, aus dem Winterschlaf sich erhebendes Leben. Das Licht flutet, als hätte man ihm einen Hauch warmer Milch eingegossen, sanft über den See und die heute nur in zarten Konturen sich zeigenden Gebirgslandschaften: Dieser Erde steht kein Angstschweiß auf der Stirn. Und sie weiß auch nichts von Mundschutz, Sicherheitsabstand und Panikkäufen. Und noch weniger - bietet sie sich doch geradezu exhibitionistisch den Blicken dar! - von einem drohenden Ausgangsverbot... 

Man mag darin die große Gleichgültigkeit jener Natur erblicken, die - "wohl wenig bekümmert um uns" (Hölderlin) - Sonne Mond und Sterne aufgehen und über Böse und Gute hinwegziehen lässt. Jene Gleichgültigkeit, die den Narzissmus und die Arroganz der Menschenwelt, die alle Sonnen stets um sich kreisen lassen will, allenfalls milde belächelt, wenn sie deren Anstrengungen überhaupt zur Kenntnis nimmt...

Oder in diesen lauen Frühlingswinden Schriftzüge erkennen, die unser stiller Lehrmeister der Sorglosigkeit und des weiten Atems den gestrengen Gesetzen der Natur eingraviert haben muss: Die lichte Schönheit der vergangenen Tage wären dann nichts anderes als österlich gestimmte Sendschreiben und Trostbriefe Christi, die uns - aber bitte nicht nur! - daran erinnern wollen, dass selbst Viren-Winter nicht ewig dauern dürfen...

Mittwoch, 18. März 2020

Was an der Entwicklung der letzten Wochen ebenso erstaunt wie bestürzt, ist die Einsicht in die Fragilität unserer vermeintlich so festgefügten, unangreifbaren Ordnungen: Eben noch sahen wir zu, wie ein Virus das so ferne China befällt - eine Stadt, eine Provinz, schließlich das ganze Land! Eben wunderten wir uns noch, wie es einer - freilich mit diktatorischer Macht ausgestatteter - Regierung gelingt, außerordentliche Maßnahmen in einem Ausmaß zu verhängen, wie es doch 'bei uns', so waren wir überzeugt, nie möglich wäre! Eben noch dachten wir, das sich in der Ferne abspielende Schauspiel würde an uns vorüberziehen und, wenn es doch näher rücken sollte, auf der Außenhaut unserer Gesellschaft allenfalls ein paar bald verheilende Kratzer hinterlassen. Um uns jetzt einer Flutwelle ausgesetzt zu sehen, deren Bedrohlichkeit gerade darin besteht, dass keiner ihre Größenordnung abzuschätzen in der Lage ist: Niemand weiß im Augenblick, wie hoch sie sich noch auftürmen wird.

Nur dass man jetzt deutlich das Zittern jener kleinen tönernen Füßchen zu spüren meint, auf die unser hochkomplexes Menschenhaus wohl doch errichtet ist... (Der hermelingefütterte, purpurfarben herabwallende Königsumhang der technischen und ökonomischen Perfektion hatte sie lediglich dem Blick entzogen!)

Wie von selbst sieht man sich - und seltsam berührt - auf den Schluss der Bergpredigt Jesu verwiesen. Und was bislang den Charakter eines gänzlich zeitlosen Weisheitswortes zu haben schien (so belanglos wahr für jede Zeit, so dass für keine Zeit letztlich gültig), taucht urplötzlich wie ein prophetischer Eisberg vor unserem auf dem Meer der Zeit dahingleitenden Ozeandampfer auf:

"Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten." (Mt 7, 24-29)