Evangelische
Kirchengemeinde
Langenargen -
Eriskirch


Betrachtungen (in) einer Krisenzeit (Von Pfr. Matthias Eidt)

Notizen aus dem Kellerloch.

"Im Unglück sieht man die Wahrheit klarer." Fjodor Michailowitsch Dostojewski 

"Sobald Chaos und Unheil heraufziehen, fahren die ersten Wirbel unter die Vernunft und lösen sie aus ihren geschickten Verhaftungen." Botho Strauß 


Freitag, den 18. Juni 2021

Das Missliche, nein Tragische an allen Diskussionen, die sich - wie lange schon? - um die Feier  des Abendmahls ranken wie schmarotzende Misteln, die sich frech ins Geäst der Bäume setzen, um deren Kronen schließlich zu überwuchern: dass diejenigen, die sich zum Hüter des Heiligen Mahles berufen sehen, sich insgeheim zu dessen Herrn aufspielen. Diese Tragik betrifft keinesfalls nur die kirchlichen Instititionen samt deren kleinen und großen Ablegern. Sondern auch die Theologie. Der Kniefall vor dem Heiligen, der sich unversehens wandelt und zu einem Sich-Setzen auf dem Thron wird. Ein Kennzeichen dieses verborgenen Wandels mag sein, dass Äußerlichkeiten zum beherrschenden Thema werden, ungeahntes, ja entscheidendes Gewicht bekommen.Georg Steiner hat dies als die Herrschaft des Sekundären bezeichnet. 

Auf dem First des Chordaches hat sich endlich wieder einmal eine Amsel eingefunden. Sehnsüchtig warte ich darauf, das sie zum abendlichen Gesang anhebt. Aber sie putzt nur mehrfach die Federn, um dann, ohne einen Gesangston zu verlieren, sich zu entfernen. Hat sie sich nun auch der Herrschaft des Sekundären gebeugt?

Samstag, den 22. Mai 2021

In Gedanken über den morgigen Predigttext Gen 11... und über jenen Begriff, der sowohl zum Passwort geworden ist, mit dem man eintritt ins Innere des babylonischen Turms, als auch innerhalb der babylonischen Welt - Ernst Jünger hätte von der titanischen gesprochen -  Auszeichnung erfährt und Orden verliehen bekommt: Kreativität. 

Einst war der Begriff ‚Creator‘ einzig und allein Gott vorbehalten. (Wie auch keiner je gewagt hätte, dem Menschen die Attribute der ‚Allmacht‘ oder der ‚Allwissenheit‘ zuzusprechen: In Entsprechung zum hebräischen Wort 'bara', welches im Alten Testament ausschließlich das göttliche Schaffen bezeichnet.)

Mittlerweile ist er in den (Allein-?)Besitz des Menschen übergegangen. Und hat hier darüber hinaus eine allumfassende Demokratisierung erfahren: War es anfangs ausschließlich dem Künstler erlaubt ‚kreativ‘ sein und einzugehen das Wagnis, in den dem Menschen gesetzten Grenzen das Schaffen Gottes nachzuahmen, so ist heute schon der kleinste Tüftler, jeder Organisator, jeder, der dem bunten Mosaik der Weltgestaltung ein winziges Ideensteinchen zufügt, schon ‚kreativ‘ und erfährt dementsprechende Bewunderung.

Ich gestehe, dass ich mir die Segnungen der Technik durchaus gefallen lasse. Auch kann ich gelungener Ingenieurskunst hohe Anerkennung zollen. Allerdings fühlte ich mich selten bemüßigt, menschliche Artefakte zu bestaunen und zu bewundern. Und nie diejenigen, mit denen man ‚etwas machen und bewirken kann‘. Mir fehlt auch bis heute das Verständnis dafür, dass ausgerechnet die Kinder, die auf ihren ersten Spaziergängen noch jedes Steinchen staunend umdrehen, nur wenig später die Welt des Digitalen der Schönheit der Natur vorziehen. Und sich lieber verkriechen hinter viereckigen Bildschirmen, anstatt die Wälder zu erkunden.

Selbst ein so technischer Denker wie Immanuel Kant war indessen noch ganz im alten Staunen über die unvergleichliche Schönheit der Natur beheimatet, als er seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass es nie den ‚Newton eines Grashalmes‘ geben könne.

Wer sich der Frage stellt, wie es zu einem solchen Wandel kommen konnte, muss das Fundament des babylonischen Turms in Augenschein nehmen. Und kommt unausweichlich zur Einsicht Friedhelm Schneiders: „Jeder möchte kreativ sein, niemand Kreatur...  Wer jedoch tun will, was Gott tut, aber nicht sein will, was Gott mit ihm gemacht hat, der verfällt nur den Banalitäten der Eitelkeit.“

Aber auch damit die Erkundung des Fundaments noch nicht abgeschlossen: Warum möchte jeder kreativ sein, aber nicht Kreatur?

Gen 11 umkreist dieses Phänomen mit dem Zwang, "sich einen Namen machen" zu müssen. Verbirgt sich dahinter der Wunsch, "zu sein wie Gott"? Oder doch nur die entsetzliche Angst vor dem Namenlosen?

Donnerstag, den 20. Mai 2021

Ein Blitz, der die Nacht der religiösen Grundbefindlichkeit in der westlichen Welt drei Sätze lang ausleuchtet:

"Gott kostet nichts. Was aber nicht gekauft werden kann, das kann auch nicht besessen werden; und was nicht besessen werden kann, das will auch niemand haben." (Friedhelm Schneider)

Aus dieser Einsicht heraus werden freilich auch verständlich die vielfältigen Bestrebungen innerhalb der Kirchen, Gott wenigstens als eine Art Europäische Zentralbank zu etablieren: als Werte-Währungshüter. Um allem, was man kaufen und besitzen kann, das Signum einzuprägen, das auch den Dollar ziert: 'In God we trust'.

Bemühungen indessen, die mit Recht kritisch beäugt werden. Jede solcher Funktionalisierungen Gottes führt nicht dazu, dass er zu etwas wird, was einen Wert hat. Vielmehr führt sie - Gott ist schließlich um etwas anderen willen da, das höher ist als er - zu einer Minderung seiner Würde. "Gott kostet nichts." Was ihn gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar macht. Eine Einsicht also, die Gottes Würde Ehrerbietung weist, sich vor seiner Hoheit beugt. Jeder 'Wert-Verlust' Gottes kann also im Grunde nur begrüßt werden!

Dienstag, den 18. Mai 2021

„April is the cruelest month, breeding / Lilacs out of the dead land, mixing / Memory and desire, stirring / Dull roots with spring rain.”

April ist der grausamste Monat, er treibt / Flieder aus toter Erde, er mischt / Erinnern und Begehren, er weckt / Dumpfe Wurzeln mit Lenzregen.“

(T.S. Eliot, Das wüste Land. Übersetzung von E. R. Curtius)

 

Seit Mitte März haben wir nun April. Das Empfinden, als wäre die Zeit stehengeblieben. Als weigere sich der Frühling voranzuschreiten. Nur ganz zögerlich setzt er Schritt um Schritt. Als plagten ihn geheime Zweifel, eigenartige Ängste.. Oder verbietet er sich, die bedrückte Menschheit vor Augen, den üblichen jahreszeitlichen Jubelschrei? Einem fröhlich daherhüpfenden Kind gleich, das plötzlich verstummt und erschrocken in seinem Spiel innehält und mit großen Augen die weinenden Frauen und Männer betrachtet, wenn es unversehens auf eine Trauergesellschaft stößt?

Hätte sich nicht trotz Regen und Kälte das Blattwerk der Bäume still und heimlich entfaltet und die Kamelie vor der Haustür zu blühen bequemt, hätte sich nicht etwas Fliederduft in die Wiege des frostigen Windes gelegt: man wäre tatsächlich versucht, vielleicht nicht an den ewigen Winter, aber doch an den ewigen Nicht-Frühling zu glauben…

Das Schweigen des Frühlings… Aber vielleicht ist es gänzlich falsch, nur die Perspektive des Vermissenden einzunehmen. Gewiss, dies wäre vollkommen verständlich. Schließlich hat die Pandemie – ach, wir sind nur noch dabei, irgendetwas zu vermissen – uns genau in diese Rolle hineingezwungen. Möglicherweise erweisen wir uns angesichts des Schweigens des Frühlings schlicht als Sklaven der Corona-Perspektiven. So dass ein anderer, Max Picard, an dieser Stelle weiter, tiefer sieht: „Es ist, als sei die Zeit gesät worden ins Schweigen, als ginge sie in ihm auf, das Schweigen ist wie der Boden, in dem die Zeit voll wird.“

Freitag, den 16. April 2021

Was ich beim letzten Gespräch mit ihr geahnt habe, ist eingetreten: Heute nehme ich die Nachricht vom Tod der alten Dame in Empfang.

„Um leichtes Leben habe ich Gott gebeten, um leichten Tod hätte ich bitten sollen.“ An dieses Wort Ossip Mandelstams hatte mich das letzte Telefonat mit ihr erinnert. Der Bruder weiß indessen zu berichten, dass ihr dies – ob sie nun darum gebeten hat oder nicht – zuteil geworden ist. Ich bin Gott unendlich dankbar dafür...

Der Bruder weiß weiter zu erzählen von Notizen einer Rede, die er in ihren Papieren gefunden hat. Mit der hatte sie sich als junge Lehrerin von ihren Schülerinnen verabschiedet, um an eine Missionsschule in Hongkong zu gehen: Sie bitte darum, ihr alle Unzulänglichkeiten zu verzeihen. Und man dürfe sie ruhig vergessen. Wenn man nur den in Erinnerung behalte, auf den sie doch immer hinweisen wollte: Christus.

Schon damals war die junge Frau – zumindest in dieser Hinsicht – ganz jene alte Dame, als die ich sie kennengelernt habe. Sie gehörte nie jener Welt an, die voller ‚Herr und Frau Wichtig‘ ist. Und in der Tiefe angeeignete und eben nicht äußerlich aufgesetzte Demut hatte zudem immer dafür gesorgt, dass die Scharfsichtigkeit, mit der sie die Dinge betrachten konnte (ja, die alte Dame durchschaute so manches!), sich nicht in jenen Richtgeist verwandelte, mit dem man sich ebenso frech wie verblendet auf den Thron Gottes setzt. Ihre Bescheidenheit hat gewiss auch dafür gesorgt, dass ich erst jetzt, Wochen nach ihrem Tod, von ihrem Heimgang erfahre. Sie wollte keine besonderen Ansprüche erheben. Sondern – wie jedes andere einfache Gemeindeglied – vom Ortsgeistlichen bestattet werden.

Die alte Dame und ich haben manches Streitgespräch in geschwisterlichstem Geiste geführt. Einig waren wir uns in der gemeinsamen Hoffnung, die im selbstverfassten Grabspruch Kierkegaards so wunderbar gotteskindlich aufleuchtet: »Noch eine kleine Zeit, dann ist´s gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann darf ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.«

Aus der Ferne lege ich ihr diese Spruch-Rose aufs frische Grab.

Dienstag, den 23. März 2021

Ich nehme wahr, dass ich langsam jene Zeitzone betrete, in der die älteren geistigen Leitsterne – vor langer Zeit haben sie einmal deinen Weg gekreuzt und sind dann über Jahrzehnte deine Begleiter geworden – einen verlassen…

Im Februar ist Philippe Jaccottet verstorben. Er gehörte zu den Dichtern, die ich, nachdem man mich einmal auf sie aufmerksam gemacht hatte und ich von ihnen innerlich entzündet worden war, im Blick behielt, damit mir ja nicht das Erscheinen eines neuen Bandes mit Gedichten oder Betrachtungen entging. 

Philippe Jaccottet war ein großer – er selbst hätte dieses Attribut nie für sich in Anspruch genommen - Lehrmeister des stillen Blicks, einer Poesie, die vor allem eines nicht wollte: den Dingen mit Worten Gewalt antun. Er näherte sich ihnen darum immer mit geradezu ehrfürchtiger Scheu, gleichwohl mit höchster Aufmerksamkeit. Letztere galt insbesondere dem, was der übliche Zeitgeist, nur der eigenen Blickrichtung und der eingeübten Logik folgend, für unbedeutend hielt.

So wohnt er in Grignan einer Beerdigungszeremonie bei. Ein Satz der Liturgie trifft ihn unversehens: „Chorus angelorum te suscipiat, et cum Lazaro quondam paupere aeternam habeas requiem.“ (Der Chor der Engel möge dich empfangen und mit Lazarus, dem einst armen, mögest du ewige Ruhe haben) Wer Lazarus sei, wissen wir oder könnten wir wissen, wenn wir die Augen aufmachen, wir entdecken ihn immer, auch unter den Armen heute. Aber haben wir noch eine Vorstellung von den Engeln, die uns einmal empfangen werden?“

Jaccottet hat uns nun nicht nur die Vorstellung davon voraus.

Freitag, den 19. März 2021

„Alle Dichter lügen.“ Etliche haben Platons Dichter-Schelte ganz im Schatten dieses grundsätzlichen, vielleicht auf den athenischen Staatsmann Solon zurückgehenden, Verdikts gesehen. Um anschließend aber feinsinnig zu bemerken, dass ja nicht nur Platons Dialoge von höchster poetischer Güte sind. Sondern der Philosoph überhaupt vielfältig auf Mythen zurückgreift, ja er sogar als Erfinder neuer Mythen und Erzählungen gelten kann…

Sprich: Was Nietzsche seinem ‚Zarathustra‘ in den Mund legt, kann mit Fug und Recht auch von Platon behauptet werden: „Doch was sagte dir einst Zarathustra? Daß die Dichter zu viel lügen? – Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.“

Vielleicht reicht es also für die Beurteilung von Erzählungen nicht, die Differenz von Wahrheit und Lüge zu bedenken. Wenn man sich - siehe den letzten Tagebucheintrag - auf die Horizonterweiterung von Stasiuk und Blumenberg einlässt, wäre in der Tat eine andere Frage viel entscheidender: ob eine Erzählung sich als ein Gefängnis erweist oder nicht. Und ob sie uns daraus entkommen lässt oder nicht.

Mit anderen Worten: Im Blick auf die Beurteilung von Erzählungen muss deren evangelische Qualität entscheidend sein! Im Sinne jener theologischen Zuspitzung des johanneischen Christus, dergemäß als Wahrheit und erst recht als göttliche nur dies in Frage kommen kann, was den Menschen in die Freiheit führt: "...und die Wahrheit wird euch frei machen." (Joh 8,32)

Donnerstag, den 18. März 2021

„Vor vielen Jahren hatte ich die Gelegenheit, eine gewisse Zeit im Gefängnis zu verbringen. Es war meine persönliche Entscheidung, und ich mache in dieser Hinsicht niemandem einen Vorwurf. Die größte Folter in der Gefangenschaft ist die Unmenge Zeit, die man dir nimmt – du hast sie einfach nicht mehr. Es ist, als hätte man dir dein Leben gestohlen, als wärst du zur Hälfte und schmerzlos getötet worden. Du lebst wie ein Zombie und zählst zwanghaft Minuten und Tage, die nach Staub schmecken und wie ein Stein auf dir lasten. Doch Gefangene sind klug. Die Gefangenen, meine Kumpel, kamen ins Erzählen. Sie redeten ohne Punkt und Komma. Sie erzählten von ihrem Leben, von fremden Abenteuern und von den Filmen, die sie gesehen hatten. Mit stillschweigender Einwilligung der Wächter gingen die Fähigsten von ihnen nachts von Zelle zu Zelle, um bis zum Morgengrauen ihre Geschichten zu spinnen. Wir bezahlten sie mit Zigaretten, doch ihre Geschichten waren Gold wert. Sie vernichteten die modernde, faulende Zeitmaterie, in der man uns gefangen hielt. Es war magisch. Für diese wenigen Nachtstunden zogen Gauner, Räuber und Mörder aus ihrem wirklichen Leben aus, sie kündigten ihr Schicksal auf. Vielleicht verließen sie sogar ihre tätowierten Körper und folgten dem Strom der Erzählung als reine Seelen. Sie erhielten ein neues Leben, das bis zur Dämmerung anhielt –bis um sechs in den steinernen Fluren die elektrischen Glocken läuteten. Weder vorher noch nachher habe ich erlebt, dass eine Erzählung an einem finsteren Ort so hell leuchten kann. Kurz nachdem ich das Gefängnis verlassen hatte, schrieb ich mein erstes Buch.“

Das Autonomie-Pathos des polnischen Autors Andrzej Stasiuk nehme ich gerne als eine seiner Eigenheiten hin, (welche er übrigens – aber sind es dann noch wirklich Eigenheiten? – mit den meisten seiner im Schatten der 60er aufgewachsenen Generation teilt), indessen aber nicht wirklich ernst: Den Gang hinter Gitter wird auch er nicht, wie behauptet, aus eigener Entscheidung heraus angetreten haben. Vielmehr wird dieser, und ohne ihn um Einverständnis zu bitten, über ihn verfügt worden sein. (Dass man solche ‚Verfügungen‘ umdeutet und zum Ausfluss des eigenen Willens erklärt, ist durchaus verständlich: sind sie doch der erklärte Feind jener hochverehrten und darum mit allen Mitteln – auch mit dem Instrument der Umdeutung - zu verteidigenden Autonomie. Indem sie die Verfügung als Folge der eigenen Entscheidung deklariert, entgeht die Autonomie der Schmach der Niederlage.)

Unbedingt ernst zu nehmen ist allerdings Stasiuks Hinweis auf die Macht der Erzählung: Sie ist es, die es vermag, Licht ins Dunkel zu bringen, die Türen des Gefängnisses zu öffnen und die ‚Mauern von Hebron‘ (so der Titel der abgründigen Erinnerungen Stasiuks an seine Gefängniszeit) zu sprengen.

Philosophisch gewendet: Hier leuchtet auf jene freisetzende Wirkmacht der Erzählung, über die nach Hans Blumenberg einstmals die ‚Wächter der Höhle‘ verfügten und mit der sie den steinzeitlichen Jägern, welche sich anschickten, den bergenden Schutzraum der Höhle zu verlassen, um sich in die scheinbar übermächtige, feindliche Außenwelt zu wagen, die Angst nahmen.

Was die Frage aufwirft nach den Erzählungen, die in unseren Corona-Zeiten Wirkmacht entfalten: Noch immer stehen wir unter der Verfügung der Epidemie. Seit einem Jahr sitzen wir, mit ein wenig erlaubtem Freigang, im Gefängnis des Virus. Und noch immer wissen wir nicht, wieviel Zeit wir noch darin verbringen werden.

Die Erzählungen indessen, die unsere jetzige Gefängniszeit irrsinnig umschwirren, sind eher geeignet, den grundsätzlichen Vorbehalt Platons gegenüber den Dichtern zu erhärten, die – so Platon - nicht fähig seien, (wie unversehens aktuell!) „Erkenntnis und Unkenntnis und Nachbildung zu sichten“  und deshalb der Lüge und der Verwirrung Vorschub leisten. Die heutigen Geschichten-Erzähler – und noch immer bin ich dabei, Stasiuk ernst zu nehmen – haben nichts mehr mit den ‚Wächtern der Höhle‘ gemein: Ihre Macht befreit nicht, sondern besteht in der Aufrichtung weiterer Angst-Gefängnisse.

Samstag, den 6. März 2021

Schon heute sind wir mit der Frage beschäftigt, wie sich das Leben 'post Corona' gestalten wird. Wer weiß: Vielleicht bringt auch dieser Versuch den inständigen Wunsch zum Ausdruck, die Pandemie möglichst schnell - wenigstens denkerisch! - endlich 'hinter uns zu bringen'?!?

Bezeichnend auch, dass die Denkwege die üblichen soziologischen und psychologischen Richtungen einschlagen. In eine theologische Richtung - ob also das, was uns bereits seit einem Jahr heimsucht, vielleicht ein geheimer metaphysischer Anruf sei (noch bei Rilke  konnte schon die Betrachtung eines Kunstwerks, des archischen Torsos Apollos, einmünden in den Schrei 'Du musst dein Leben ändern') - fragt indessen keiner. 

Das lässt vermuten, dass es der Corona-Zeit ähnlich ergehen wird wie dem zweiten Weltkrieg. Hier hatte Ernst Jünger, obgleich die Zeit nach der Katastrophe ungleich religiöser gestimmt war, schließlich ein Stilllegen der theologischen Frage konstatieren müssen. Denn in dem Maße, in dem es gelingt, ein Unglück - wie groß es auch immer sei - zu bewältigen,  kommt es als Anruf nicht mehr in Betracht, wird es seiner möglichen metaphysischen Dimension entkleidet. So jedenfalls die Diagnose Jüngers:

"Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Wirbeln des Unterganges, bestand für eine kurze Weile Hoffnung, daß großes Licht einfallen würde, Licht aus den fernsten Fernen, Licht aus dem Innersten. Doch bald wurde deutlich, daß das Geschehen als technische Katastrophe begriffen wurde, als Unfall im größten Maßstab und daher als reparabel, als in unsere Macht gestellt. Aber erst mit der Erkenntnis des Irreparablen werden andere Pforten sichtbar, öffnen sich Breschen in der hermetischen Ringmauer.”

Seltsam, der grundlegenden existenziellen Einsicht, auf die doch der Einzelne in seinem Leben regelmäßig gestoßen wird, vor die er sich gestellt sieht, ohne sich ihr letztlich entziehen zu können - die Erkenntnis eines Irreparablen -, ihr verweigert sich die Menschheit hartnäckigst selbst angesichts der furchtbarsten Katastrophe blinder noch als blind...

Mittwoch, den 3. März 2021

Adalbert Stifters Geschichte ‚Bergkristall‘, welche von der wunderbaren Rettung der Kinder Sanna und Konrad aus Gschaid erzählt, die sich am Heiligen Abend nach einem Besuch der Großmutter im anderen Dorf auf dem Heimweg in dichtem Schneetreiben verirren bis in die Fels- und Eisregion des Gebirges hinein. Bei Anbruch der Morgendämmerung jedoch den Weg hinab ins Tal finden, schließlich von einem Suchtrupp gefunden und nach Hause gebracht werden.

Im Schlussabschnitt der Erzählung heißt es – und diese Sätze wird man wohl, wenn die gegenwärtige Pandemie im Wesentlichen ausgestanden und vorüber ist, ähnlich wiederholt finden:

„In dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abende lebhafter als je. Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die andern auch. Jeder erzählte, was er gesehen und gehört, was er getan, was er geraten und was für Begegnisse und Gefahren er erlebt hat. Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können.“

Vielleicht ist dieser Schluss auch als geheime theologische Anleitung zu lesen dahingehend, was wahrscheinlich außerhalb der Kirche zu berichten und zu klären sein wird, aber bitte nicht in ihr. Dort indessen wäre etwas anderes zu erzählen - wenn man denn etwas zu erzählen hat...

Sonntag, den 28. Februar 2021

Trivial die Erkenntnis, dass das Reich des Geistes ein großer Kosmos darstellt, dessen vielgestaltige Landschaft unmöglich auf den sogenannten 'gemeinsamen Nenner' zu bringen ist. Indessen fällt, zumindest wenn man die letzten Jahrhunderte in den Blick nimmt, doch ein seltsames Unisono auf, das kaum zu ignorieren ist: Die Einsicht einer wachsenden, gewissermaßen aus Geschwindigkeit und Lärm sich zusammensetzenden Besinnungslosigkeit: 

Goethe hat sie schon im Phänomen der Eisenbahn heraufziehen sehen. Kierkegaard hat sie im Zeitungswesen, im permanent vom Wind der Aktualität in Bewegung gehaltenen Geraschel des Pressewaldes verortet. Für Botho Strauß ist sie zum Herzschlag der modernen sozialen Medien geworden. Selbst einer, den man nimmermehr mit Botho Strauß in einem Atemzug nennen würde, Jim Morrison - ja, ich meine den verstorbenen Leadsänger der Doors - beklagt in seinem 'American Prayer' die durch die Medienkultur angerichteten geistigen Zerstörungen: "Wo sind die Feste / die uns versprochen wurden / wo ist der Wein / der Junge Wein stirbt an der Rebe… Weißt du, dass wir vom Fernsehen beherrscht werden".

Nun stoße ich heute auf Gilles Deleuze: Auch er stimmt in dieses Unisono ein. Und hat - schon vor Jahrzehnten - bemerkt: "Wir sind durchdrungen von unnützen Worten, von Unmengen dummer Bilder und Worte. Das Problem besteht nicht darin, die Leute zum Reden zu bringen, sondern Ihnen leere Zwischenräume von Einsamkeit und Schweigen zu verschaffen, von denen aus sie endlich etwas zu sagen hätten."

Ich entnehme dem allem, dass es immer wichtiger werden wird, die Seele des Gottesdienstes - könnte es ihn je ohne den vom Tor der Stille eröfneten Augenblick eines einsamen Stehens vor Gottes Antlitz geben? - zu bewahren.

Mittwoch, den 24. Februar 2021

Der Kirchhof dieser Tage: wunderbar lichtdurchflutet und hell und schon Frühling ein- und ausatmend. Wild spielt der Kirchturm mit Sonnenstrahlen und sachtem Wind. Nur die Linde verharrt noch in winterlicher Stille und gesellt so dem Ganzen ein kontemplatives Element hinzu. Als wollte sie darauf verweisen, dass es jetzt noch nicht an der Zeit ist, um laut nach aufbrechendem Grün zu rufen.

Auf einem Bänkchen müssten jetzt Philemon und Baucis sitzen. Wie im zweiten Teil von Goethes Faust-Drama, wo ihre Hütte ebenfalls still neben Kapelle und Linde steht. Diese beiden gastfreundlichen Alten, die aus dem Innersten heraus allen faustischen Prinzipien abhold sind, sich von deren Versprechungen nicht kaufen, vom Willen zur Macht nicht beirren und von den Vor- und Verführungen menschlichen Könnens nicht blenden lassen. Goethe hat sie gleichsam als Hirten des Seins gezeichnet: Mit Ohren für die Schreie jener Opfer, die Fausts Größenwahnsinns-Projekte kosten: „Menschenopfer mussten bluten / Nachts erscholl des Jammers Qual; / Meerab flossen Feuergluten, / Morgen war es ein Kanal.“ Und mit tiefem Sinn für stille Schönheit und Demut: „Laßt uns zur Kapelle treten / Letzten Sonnenblick zu schaun! / Laßt uns läuten, knieen, beten / Und dem alten Gott vertraun!“

Im Grunde ist alles gesagt, wenn Faust den Glockenklang – „Verdammtes Läuten“ – nicht erträgt, die Linde - um von dort aus seine Machenschaften zu betrachten - unbedingt besitzen und zum Hochsitz ausbauen will und das stille Ensemble von Kapelle und Baum beseitigen muss, das doch, ohne jemandem ein Leid zuzufügen, wie Philemon und Baucis in Einfalt und Eintracht bei- und zueinander steht. Faust ahnt indessen, dass er – weil es ihn sowohl an Transzendenz (das ihm unerträglich ihn Übersteigende) und Tod, die Grenzen seines Strebens erinnert, - etwas zerstören muss, wessen er zugleich zutiefst bedarf: Es würde ihn heilen, retten. Aber er, der in der Tat alles kann, untersteht einem geheimen Zwang und kann – faustische Alternativlosigkeit - nicht anders: „So sind wir am härtesten gequält, / Im Reichtum fühlend, was uns fehlt. / Des Glöckchens Klang, der Linden Duft / Umfängt mich wie in Kirch‘ und Gruft.“

Auf diesem Hintergrund muss man vielleicht die in den letzten Jahrzehnten vermehrt auftretenden Beschwerden über das Kirchengeläut anders werten: Nicht, dass ich allen Sonntagsschläfern ein faustisches Streben unterstellen möchte. Dies – würde Faust je den Tag im Bett verschlafen? – wohl eher nicht. Aber vielleicht ist es so, dass auch die Langschläfer doch bitte nicht an Transzendenz (das auch ihren heiligen Schlaf Übersteigende) und Tod erinnert werden möchten…

Montag, den 22. Februar 2021

„»Gott«, nur das Wort, ist nie ganz für mich gestorben. Ich brauch es noch immer, in unerwarteten Momenten, nie in Ergebung, nie im Glauben, von jeder Dankbarkeit abgelöst, zornig, um dieses Zornes willen vorhanden, so mag einer Wespe zumute sein, die siebenhundert Mal gegen die Scheibe stößt und dann von mir – wer ist es das? – in die Freiheit entlassen wird.“

So Elias Canetti ein Jahr vor seinem Tod.

Das Fenster, durch welches Licht flutet und einem immer wieder dagegen anfliegenden Insekt in allem zu versprechen scheint, dass hier doch der Weg ins Offene, ins Freie führe. Aber der Schein trügt und die Scheibe ist in Wahrheit ein ebenso unsichtbares wie unüberwindbares Hindernis, an dem es verzweifelnd sich wundstößt, bis es ermattet niedersinkt.

Gewiss ist der Tod ein solches letztes Niedersinken, auch nach einem Sich-Wund-Stoßen an den großen existenziellen Fragen: Jeder Versuch einer Antwort gleicht ja hier einem Anflug, das an einer undurchlässigen Scheibe endet. Die Frage ist nur – und sie wird von Canetti nicht gestellt (und vielleicht, weil er doch zu zornig ist): Ist der Tod auch der Augenblick, an dem das Fenster – und dies wäre dann wohl doch in einem Passivum divinum zu verstehen – geöffnet wird?

Donnerstag, den 11. Februar 2021

Frau T., jene alte Dame, die über viele Jahre hin jeden meiner theologischen und philosophischen Streifzüge ebenso angeregt wie streitbar begleitet: Diesmal indessen kein Gespräch, das sozusagen mit einem Doppelpunkt endet und bereits eine geheime Brücke schlägt zum nächsten Austausch, sondern mit Hinweis auf ihren Gesundheitszustand mit einem Fragezeichen schließt. Als hätte man gemeinsam noch eine ganze Weile und ohne überhaupt nur an Abreise zu denken in einem alten, noch den Geist der Schönheit atmenden Bahnhofsgebäude zugebracht, hätte sich dort geradezu zeitlos im Gespräch verloren und träte nun hinaus ans Gleis, wo bereits der abfahrbereite Zug wartet und einen daran gemahnt, dass alles seine Zeit hat und es deshalb auch die Zeit des Abschieds gibt. (Ich erinnere noch die Zeiten, als die Dampflokomotive ihren Wartestand eigens durch Krach und heftiges Gezische zum Ausdruck brachte, als wollte sie mit äußerster Ungeduld und mit der geheimen Drohung, im nächsten Augenblick gleich sich in Bewegung zu setzen, die Zugreisenden nötigen, endlich einzusteigen.) Diesmal auch kein Kreisen mehr um Philosopheme und die Frage, wie dieser oder jener Denker zu verstehen oder einzuschätzen sei. Sondern ein entschiedenes Festhalten am neutestamentlichen Zeugnis im tiefen Vertrauen und in der Hoffnung, dass hier Schutz und Bewahrung zu finden sei. Wenn der Boden zu schwanken beginnt, lässt man alles überflüssige Gepäck fallen, um sich mit festem Griff zu klammern an alles, was sicheren, letzten Halt verspricht. Auch Gedanken, selbst die klügsten, sind Gepäck. (Ein entscheidender Unterschied, auf den Kierkegaard im Begriff der Existenz vehement insistierte: „In unserer Zeit glaubt man, das Wissen gebe den Ausschlag, und wenn man nur die Wahrheit zu wissen bekomme, je kürzer und geschwinder, je besser, so sei einem geholfen. Aber Existenz ist etwas ganz anderes als Wissen.“)

Als das letzte, sehr bewusst gewählte Adieu verklingt, setzt eine tiefe Stille ein. Irgendwann steigen aus ihr wie aus einem Brunnen Worte Ossip Mandelstams empor, an die ich, obwohl sie mich beim ersten Lesen tief berührt haben, lange nicht mehr gedacht habe: „Um leichtes Leben habe ich Gott gebeten, um leichten Tod hätte ich bitten sollen.“

Ich weiß, dieses vielleicht letzte Gespräch mit Frau T. wird mich noch lange begleiten. Über die lange Fahrt hinaus, die ich morgen antrete.

Freitag, den 5. Februar 2021

Eigentümliche Bemerkungen des alten Bertolt Brecht, die vordergründig betrachtet der Poesie Gottfried Benns gelten. Diese hat Brecht Zeit seines Lebens als Antipode bekämpft, sie für ähnlich ‚utopisch‘, ähnlich aus der Zeit gefallen gehalten hat wie seinerzeit Rilke die Gestalt Christi: weil dunkel-schwermütig und elitär sich gebend. Weil huldigend in einem längst vergangenen bürgerlichen Geist der Kunst. Weil individualistisch und Trauerkränze flechtend den gesellschaftlichen Fragen der Zeit ausweichend: So jedenfalls nicht mehr hineinpassend in die fortschrittliche Welt des Arbeiters! Die grundlegende Überzeugung Brechts: Gottfried Benns Lyrik ist weit mehr als nur fehl am Platz. Auch für ihn gilt vielmehr das seinerzeit auf Christus gemünzte Votum Rilkes: „Unsere Welt ist nicht nur äußerlich eine andere, – sie hat keinen Zugang für ihn.“

Es muss Brecht erschüttert haben, als er erkennen musste, dass ausgerechnet diese für ihn vollkommen aus der Welt gefallene Poesie Gottfried Benns Wirkungen zeitigte und den Menschen etwas zu schenken vermochte, was sie doch eigentlich nicht geben konnte, weil auch nicht geben durfte:

„Beim Anhören von Versen / Des todessüchtigen Benn / Habe ich auf Arbeitergesichtern / Einen Ausdruck gesehen / Der nicht dem Versbau galt und kostbarer war / Als das Lächeln der Mona Lisa.“

Vordergründig betrachtet gelten diese Bemerkungen der Poesie Gottfried Benns. Geistig-seismographisch betrachtet sind sie vielleicht noch ganz anders zu verstehen: Prophetisch vorausschauend die Verkündigung einer ‚ou-topischen‘ Kirche, die sich nicht nur damit abgefunden hat, dass sie ‚eigentümlich ratlos‘ in ihrer Zeit herumsteht. Sondern genau als den ihr von Christus zugewiesenen Platz begreift: Kein Ort. Nirgends. Aber in der Kraft des Geistes befähigt „auf Arbeitergesichtern einen Ausdruck“ zu zaubern „kostbarer als das Lächeln der Mona Lisa“.

Mittwoch, den 3. Februar 2021

Ich hoffe, der letzte Tagebucheintrag hat dies deutlich genug zum Ausdruck gebracht: Ich bin mitnichten geneigt, in Rilkes ‚Brief eines Arbeiters‘ nur eine bestimmte Überzeugung zu sehen, welcher der Dichter während einer bestimmten Phase seines Lebens anhing. Auch liegt mir fern, in diesen Zeilen lediglich einen biographischen Reflex zu erblicken (etwa ein spätes Aufbegehren gegen den bigotten Katholizismus seiner Mutter). Vielmehr gleichen diese Zeilen den Nadel-Schraffuren eines geistigen Seismographen, welche aufzeichnen die Bewegungen und Erschütterungen im spirituellen Erdinneren. Wobei ich sofort selbstkritisch bemerken muss, dass ich mich mit dieser Verbeugung vor einer technischen Gerätschaft als braves Kind meiner Zeit zu erkennen gebe: Vor Zeiten hätte man nimmermehr zu solchen Vergleichen gegriffen, sondern ohne Umschweif schlicht vom ‚Prophetischen‘ gesprochen…

Montag, den 1. Februar 2021

„Wer, ja, – anders kann ich es jetzt nicht ausdrücken, w e r ist denn dieser Christus, der sich in alles hineinmischt. Der nichts von uns gewußt hat, nicht von unserer Arbeit, nicht von unserer Not, nichts von unserer Freude, so wie wir sie heute leisten, durchmachen und aufbringen… Was will er von uns? Er will uns helfen, heißt es. Ja, aber er stellt sich eigentümlich ratlos an in unserer Nähe.“

Zweifellos hat Rilke in seinem ‚Brief eines Arbeiters‘ seismographisch erfasst, dass dem Fortschritt der Moderne zugleich ein geheimnisvolles Fortschreiten von Christus innewohnt. Allerdings dies nicht dergestalt, dass man sich gegen die Botschaft Jesu wendete, sein Wirken in Frage stellte, ja ihn überhaupt für eine gänzlich zweifelhafte Erscheinung hielte. In einer solchen inhaltlich motivierten Gegnerschaft stellte Christus noch immer eine Option dar, bliebe er ein vielleicht nicht wünschbarer, aber doch möglicher Bestandteil dieser modernen Welt. Aber gerade dies sieht Rilke im Fortschreiten der Moderne zunehmend verunmöglicht: „Mein Gefühl sagt mir, daß er nicht kommen k a n n. Daß es keinen Sinn hätte. Unsere Welt ist nicht nur äußerlich eine andere, – sie hat keinen Zugang für ihn.“

In der Moderne bekommt die Person Christi also im wahrsten Sinne des Wortes ‚utopischen Charakter‘: in jenem Ur-Sinn des griechischen οὐ τόπος: Kein-Ort, Nicht-Ort. Dies wiederum – und darin leuchtet das Geheimnisvolle dieses geistesgeschichtlichen Vorgangs auf - im Grunde die Wiederholung eines der zentralen Motiv der Geburtsgeschichte Jesu (Lk 2,7): „denn sie hatten keinen Raum in der Herberge - οὐκ ἦν αὐτοῖς τόπος“…

Rilkes seismographische Wahrnehmung wäre also nicht nur auszuhalten und zuzugestehen, ja nicht einmal zu bestreiten, sondern mit einer Gegenfrage bis aufs Äußerste zuzuspitzen: Könnte es denn je eine Welt geben, in der Christus einen Platz fände? Eine Welt also, in der Christus nicht in diesem Sinne ‚ou-topisch‘ wäre? War dies vielleicht sogar eines der Grundirrtümer des sogenannten ‚christlichen Abendlandes‘ zu glauben, man könnte ihm, der von Anfang an als ganz und gar ‚utopische‘ Gestalt in diese Welt einging, sozusagen einen Platz anweisen? Dies also das gründlichste Selbstmissverständnis der christlichen Kirche: sich in Bezug auf Christus die Rolle eines Platzanweisers anzumaßen? Und zuletzt: Wenn die Kirche gegenwärtig immer verzweifelter ihren Platz in der modernen Welt sucht und ebenfalls „eigentümlich ratlos“ in ihr herumsteht: Wäre es nicht möglich, dass sie gerade darin – und ohne es zu ahnen – im Begriff ist, endlich, endlich den Weg in die Nachfolge Jesu anzutreten?

Donnerstag, den 28. Januar 2020

Ach, dieses berühmte, vielzitierte Votum Franz Kafkas, das Bücher herbeisehnt, die einem Unglück gleichkommen: „Wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in die Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Jetzt haben wir ein Jahr schon das Unglück: Aber wer versteht darin zu lesen?

Es gibt wohl doch einen Unterschied zwischen Büchern und Ereignissen. Zwischen den Büchern, die Menschen, gerade auch Kafkas Axt eingedenk, verfassen. Und dem Buch, an dem, unentzifferbar für uns, Gott schreibt...

Unentzifferbar für uns, weil selbst Gott das vereiste Seelenmeer in uns nicht zu zerschlagen vermag? Corona: ein verzweifeltes Einhacken Gottes, sein Schrei, der Schrei Jesu auch „Begreift ihr denn noch nicht?“ (Mk 8,21) Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder… 

Ach, wenn es keine Axt gibt, die dieses Eis zerschlagen könnte: Dann möge es doch endlich schmelzen! Sehnsuchtsvers aus einem Gesangbuchlied: „Wo du sprichst, da muß zergehen, was der starre Frost gebaut; denn in deines Geistes Wehen wird es linde, schmilzt und taut. Herr, tu auf des Wortes Tür, ruf die Menschen all zu dir!" 

Dienstag, den 19. Januar 2021

Seit Wochen Friedhofsgang um Friedhofsgang. Auf kaum geräumten Wegen und an verschneiten Gräbern vorbei werden Urnen und Särge getragen und in vereiste Erde versenkt. Mancher aus der Trauergemeinde gibt sich verstört – wer könnte dies nicht nachfühlen - angesichts der Pandemiebedingungen, denen die Zeremonie unterworfen ist: Dass man sich gegenseitig nicht trösten dürfe, nicht zusammenfinden könne zum gemeinsamen – ach, dieses schöne Wort: ich mag kein anderes mehr verwenden – ‚Tränenbrot‘.

Mich verstört indessen, das anscheinend eines der letzten bislang unerschütterten Reste der Religion, die Schutzburg des Vaterunsers, verloren zu gehen droht. Seit ich Pfarrer bin, galt die ungeschriebene Regel: Ob einer der Kirche zugeneigt war oder ihr ablehnend gegenüberstand, egal welchem Glauben oder Unglauben man anhing, gleichgültig welchen Bekenntnissen er nachsprach oder ob er sich - in gänzlicher Paradoxie - als gänzlich bekenntnislos bekannte, so blieb doch das Gebet des HERRN als das über allen Meinungen stehende Unantastbare, unter dem man angesichts des Todes gemeinsam Zuflucht suchte. Nur die vollkommen ihrem atheistischen Trotz sich Hingebenden schwiegen, allerdings nicht, weil sie der Worte nicht mächtig waren. Mittlerweile verraten die ratlosen Augen der nunmehr Verstummten sogar schon die Unkenntnis dieses Gebets aller Gebete…

Donnerstag, den 14. Januar 2021

Auch wenn die medizinisch-technischen Möglichkeiten endlich zu greifen beginnen: Noch immer seit Beginn der Pandemie erleben wir das, was Hans Blumenberg den ‚Absolutismus der Wirklichkeit‘ genannt hat: Ein Ausgeliefertsein an die Willkürherrschaft der Natur, die mit höhnischem Lachen die vergeblichen Versuche des Menschen quittiert, sich ihr zu entziehen, ihr zu entfliehen. Um noch einmal Blumenberg aufnehmen: Wir sind erneut zu einer Art ‚Höhlenbewohner‘ geworden. Und zwar im Sinne einer merkwürdigen Regression, einer Wiederholung der steinzeitlichen Anfänge: Blumenberg hatte die Kulturleistungen des Menschen im übertragenden Sinn als moderne Form der schützenden Höhle begriffen. Wie lange schon sind es nun wieder sinnlich-reale und nicht nur geistige Räumlichkeiten, in die wir uns bergen vor der rauhen Virus-Wirklichkeit: also Häuser, Wohnungen und Zimmer. Und der Weg nach draußen gleicht ebenfalls wieder dem gefährlichen, gleichwohl für das Überleben unvermeidlichen Gang in die Wildnis: „Das Dilemma der Höhle ist, dass sich zwar in ihr leben, nicht aber der Lebensunterhalt finden lässt.“ (Blumenberg)

Ein weiteres Dilemma: Nachdem wir uns über Jahrzehnte lebenspraktisch eingeübt haben in die spinozistische Formel ‚Deus sive natura‘, welche pantheistisch Gott und Natur gleichsetzte - und dies noch dazu in der kindlichster Überzeugtheit, dass es ‚die Natur‘ ja immer gut mit uns meine: nichts ist werbetechnisch überzeugender als das Attribut ‚natürlich! – erleben wir diese gute, natürliche Welt auf einmal als den gleichen, vollkommen undurchschaubaren und damit nicht mehr verlässlichen Willkür-Souverän, zu dem einstmals das Spätmittelalter Gott erklärt hat. (Dass Gott tatsächlich alles möglich sei, wurde - so die Überzeugung Blumenbergs - von den Menschen nun mehr als etwas Schauerliches wahrgenommen.)

Schließlich, letztes Dilemma: Auch die früheren ‚Hüter der Höhle‘, die späteren Hüter der Tempel, die Priester und Rabbinen, die über Jahrhunderte von Erzählungen wussten, in die man sich bergen kann, haben nichts mehr zu erzählen: Sie begnügen sich weithin damit, denen, die sich aus der Höhle wagen, wohlmeinend und sehr empathisch nachzurufen: „Passt auf euch auf!“

Sonntag, den 3. Januar 2021

"Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!"

Was der Künstler Sigmar Polke in einem 1969 gemalten Bild in bissiger Ironie aufgriff, betrifft eine der religiösen Hauptfragen: Wie ist das Phänomen der Inspiration zu denken? Wie erst recht das Phänomen der göttlichen Inspiration? Wie also die Inspiration der Bibel? Die göttlichen Eingebungen der Prophetie? Oder die Berufung des Abraham, die von der Heiligen Schrift - Gott spricht zu Abraham wie von Mensch zu Mensch - scheinbar in jener Naivität geschildert wird, wie sie Sigmar Polke geradezu genüsslich aufspießt? An eine Niederschrift durch ein göttliches Diktat, wie sich frühere Zeiten das Zustandekommen der Bibel vorstellten, wird man nicht mehr glauben können. Ähnliches gilt für die Prophetie: Auch die wird man sich kaum so vorstellen können, dass hier das Ohr eines Menschen Botschaften vernimmt, die ein göttlicher Mund Wort für Wort verkündet mit dem klaren Auftrag, die Botschaft entsprechend weiterzuleiten. 

Indessen wird man gerade die Naivität der biblischen Redeweise als Hinweis auf ein Geheimnis deuten müssen, welches auch mit höchst-komplexer Reflexion nicht aufhellbar ist. Indem man vollkommen naiv das Phänomen der göttlichen Eingebung schildert und sie also in einer Weise beschreibt, die aufscheinen lässt, dass sie gerade so nicht verstanden werden kann, würdigt man sie als schlechthin Unbegreifliches... Die Naivität der biblischen Sprache also als großer Zeigefinger im Sinne Rilkes: Der hat einmal ebenfalls sehr ironisch bemerkt, die Menschen seien "wie die Hunde..., die keinen Zeigefinger verstehen und meinen, sie sollten nach der Hand schnappen".

Die Ironie Sigmar Polkes wiederum hat man oft als generelle Absage verstanden: Als gälte es, das Phänomen der Inspiration dadurch grundsätzlich in Frage zu stellen, indem man es lächerlich macht. Aber vielleicht folgt die Ironie Polkes doch ganz den Spuren Rilkes?